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KLASSIK

Meditieren mit Beethoven:

Michael Gielen in der Philharmonie

Wahrscheinlich (und zu Recht) würde Michael Gielen es als Lob empfinden, dass seine Auffassung von Beethovens sechster Symphonie, der „Pastorale“, bisweilen an Carlos Kleiber erinnert: in den forschen Tempi des Kopfsatzes beispielsweise oder auch in der unendlich-schwelgerischen „Szene am Bach“. Mindestens so bedeutsam aber sind die Unterschiede, und sie stechen einem umso mehr ins Ohr, als die Staatskapelle ihrem langjährigen Gastdirigenten an diesem umjubelten Abend in der Philharmonie buchstäblich auf Knien dient (wenngleich nicht überall in erster Besetzung).

Gielen ist ein Freund des „stehenden“ Tempos, das heißt, ist dieses einmal gefunden, bleibt es auch dabei, mit minimalen Freizügigkeiten. Das führt dazu, dass der Verve des besagten Kopfsatzes („Erwachen heiterer Empfindungen“) alsbald, ganz unheiter, etwas Repetitives, Bohrendes, ja Ungläubiges eignet – und dass selbst ein so plastisches Geschehen wie das „Gewitter“ im vierten Satz seltsam abgezirkelt wirkt, als wüteten hier bei aller klanglichen Rauheit nicht entfesselte Naturgewalten, sondern die Gesetze der höheren Mathematik. Ein Feldzug nicht zuletzt gegen jedweden postmodernen Wohlfühl-Beethoven? In der Summe freilich – und hier offenbaren sich Chuzpe und Klasse des 83-jährigen Siemenspreisträgers, seine geistige Konsequenz! – verflüssigen sich derlei Festgezurrtheiten rasch wieder. Was bleibt, ist das verstörende Gefühl, einer Meditation beigewohnt zu haben, mit all ihren freiwilligen und unfreiwilligen Erleuchtungen.

Und auch vor der Pause übte man sich in Kontemplation: Bei Charles Ives’ Geschwisterstücken „The Unanswered Question“ und „Central Park in the Dark“, die auf so kreative wie handfeste Weise Klänge schichten und das eigene Material befragen. Und bei Bernd Alois Zimmermanns Trompetenkonzert aus dem Geiste eines Spirituals („Nobody knows de trouble I see“), von Hakan Hardenberger in seiner jazzigen Attitüde grandios ausgekostet und von Gielen wiederum in aller Zwölfton-Strenge vorgeführt.Christine Lemke-Matwey

ROCK

Boom-chicka-chicka:

Die Band Giant Sand im Lido

„We start off with a song from fumpfundtswäntsig Jahren ago!“ sagt Howe Gelb in dunklem Hemd, hellem Hut und mit rotem Telecaster. Und schon kracht es schön schräg im Lido mit fein dosiertem melodischen Lärm zur Feier des 25-jährigen Jubiläums von Giant Sand. So wüst und ungestüm punkend klang die Band aus Tucson 1985, im Jahr ihres ersten Albums „Valley Of Rain“. Howe hängt sich eine Akustikgitarre um, macht boom-chicka-chicka, und singt einen swingenden Countrysong.

Es geht ums Leben, ums Älterwerden und diverse Katastrophen – wie in den meisten seiner Lieder – , über das Alleinsein, die Liebe, Geschichten aus dem Leben. Howe setzt sich ans Piano, schiebt den Hut hoch, spielt blauen Bar-Jazz, gibt den kratzigen Crooner. Zurück an der Gitarre erzählt er mit Cohen-Bariton eine seiner betörenden Songstorys, die er plötzlich zersägt mit einem wüst verzerrten Akustikgitarrensolo. Ein Stückchen „Riders On The Storm“ von den Doors, ein paar verschrobene Bemerkungen über das Leben jenseits der fünfzig. Im Oktober ist Howe Gelb 54 geworden. Alles ist lässig an ihm, wie seine Musik: frei fließend, voller Überraschungen, mit wunderlichen melodischen Wendungen. Die Bandmitglieder schwirren durch die Tonarten und die stilistische Vielfalt der letzten 25 Jahre von Giant Sand. Rock, Jazz, Country, Blues, Rockabilly, Folk. Lärm und Ruhe. Tosende Gitarren, tinkelndes Ragtime-Piano, verhaltene Lounge-Balladen. Alles passt zusammen, die alten Songs und die neuen Stücke vom gerade erschienen Album „Blurry Blue Mountain“.

Die fabelhafte Band folgt intuitiv Howe Gelb und seinen spontanen Einfällen. Abwechselnd weben die Gitarren riffige Flicken in die Löcher eines shuffeligen Klangteppichs. Howe huldigt mit der Countryschnulze „I Can’t Help It If I’m Still In Love With You“ dem großen Hank Williams und erinnert am Ende anrührend an seinen besten Freund, den 1997 an Lungenkrebs gestorbenen Musiker Rainer Ptacek, einst Gründungsmitglied von Giant Sand. H.P. Daniels

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