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THEATER

Der Islam hält dich warm:

„Schnee“ im Ballhaus Naunynstraße

Es gibt Theateraufführungen, in denen stimmt alles. Da werden die Schauspieler eins mit Text und Bühnenbild. Da vertiefen Kostüme, Licht und Musik die Erzählung. Keine Szene zu lang, keine zu kurz. Nichts wird einfach nur behauptet, sondern alles spürbar gemacht. Ein solcher Glücksfall ist „Schnee“ im Kreuzberger Ballhaus Naunynstraße. Der Regisseur Hakan Savas Mican hat gemeinsam mit dem Turkologen Oliver Kontny den gleichnamigen Roman von Orhan Pamuk adaptiert. Sie halten sich eng an den kraftvollen Originaltext, verlegen aber die Handlung aus dem anatolischen Kars in die fiktive deutsche Kleinstadt Karsberg. In den von Deindustrialisierung verheerten Ort kommt der Journalist Ka. Er will seine Jugendliebe Seide treffen, wird aber sofort in die Auseinandersetzung zwischen Islamkritikern und den örtlichen Muslimen um den Pop-Islamisten Grün gerissen. Der Streit eskaliert, als ein Schulleiter, der Kopftücher verbietet, angeschossen wird.

Die Inszenierung hütet sich dabei vor Eindeutigkeit. Aleksandar Tesla als Moslemführer ist ein sexy Demagoge („Aluma Islamiya keeps you warm, hell yeah!“). Mehmet Yilmaz macht aus Ka einen desillusionierten Melancholiker. Godehard Giese gibt den aufrichtig um die Heimat besorgten Populisten. Ebenso überzeugen in dem präzisen, uneitlen Schauspielerensemble die Frauen: Sesede Terziyan und Nora Rim Abdel-Maksoud. „Schnee“ ist ein schnelles, ernstes, witziges, berührendes und aktuelles Stück. Relevant! (Wieder am heutigen Montag sowie von 1. bis 5. 12., 20 Uhr). Philipp Lichterbeck

KLASSIK

Instrument Körper: Lothar Zagrosek und das Konzerthausorchester

Bei Sängern, sagt man, sei der Körper das Instrument. Selten dürfte das so anschaulich sein wie bei der Britin Julie Moffat, die sich als Gast des Konzerthausorchesters den locker gefügten Klängen von Hans Zenders neuester Komposition „Issei no kyo“ (Gesang vom einen Ton) perfekt anschmiegt. Die Verse des japanischen Zen-Gedichts, das dem Werk zugrunde liegt, intoniert sie so farbenreich, dass ihr Sopran selbst zur frei im Raum schwingenden Saite zu werden scheint. Dafür schwingt dann bei Bergs Violinkonzert nichts mehr. Ernst Kovacic beginnt brav, mit kleinem Ton, ohne Ehrgeiz. Und er steigert sich auch nicht im virtuoser gedachten Allegro. Berg hat das Werk zwar so angelegt, dass die Violine nicht auftrumpfend brilliert. Aber mit diesem dürren und spröden Strich geht sie unter.

Da hat Lothar Zagrosek nach der Pause einiges aufzuholen, und er tut es. Liegt es daran, dass Brahms in der 2. Symphonie nicht melancholisch zurückblickt wie Berg, sondern sich seiner Kraft als Symphoniker bewusst wurde? Gehärtet ist jetzt der Klang, mit markant grundierenden Bässen, duftenden Streicherwolken, einem herrlich sanften Horn und forschen Kontrasten im abschließenden Allegro con spirito. Bei Musikern sind Körper und Instrument geschieden, aber das Orchester spielt, also wollte es diese Trennung vergessen machen. Udo Badelt

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