KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

von

POP

Schöne Verliererin:

Christiane Rösinger im HAU

So verfroren, so verschnupft, so verzagt, so verzittert sind die Berliner Mantelmenschen im Hebbel am Ufer zusammengekommen, doch wenn sie gehofft haben, sich im holzvertäfelten Theatertempelchen an einem Liederabend wärmen zu können, während draußen die Luft im kältesten Dezemberauftakt seit Beginn der Wetteraufzeichnungen knackt, ist dies doch nur: vergeblich. In der Bühnenmitte steht eine Sängerin und entwirft aus lauter Worten mit der Vorsilbe Ver- ein Elendspanorama des menschlichen Daseins: „So verlogen und verschroben, so verhaltensgestört, so verquer und verquollen, so verbiestert und verbissen, so verbittert und verknittert.“ Schön ist, als Reim auf „verwundet“, der Neologismus „verhundet“. Die Worte werden lauter, Gitarre und Schlagzeug schrauben sich ins Stakkatohafte, dann tritt ein sehr bärtiger junger Mann hinzu und beendet mit einer dylanartig lärmenden Mundharmonika-Einlage das Lamento. Nicht verkehrt.

Christiane Rösinger präsentiert im seit Wochen ausverkauften Saal ihr Album „Songs of L. and Hate“, und die dazu passende Farbe ist Schwarz, das Schwarz des Weltschmerzes und der Existenzialisten. Die Berliner Sängerin und ihre Begleiter, zu zwei Dritteln aus der Wiener Band Ja, Panik bestehend, sind komplett schwarz gekleidet, sie stehen vor einem schwarzen Vorhang, selbst die Bassdrum wurde schwarz verkleidet. „Bist du einmal traurig und allein / Gewöhn dich dran, es wird bald immer so sein“, lauten die ersten Liedzeilen, begleitet von rollenden Mollakkorden aus Klavier und Gitarre. „Es geht sich nicht aus“, „Desillusion“, „Verloren“ oder „Sinnlos“ heißen die Songs, die vom Scheitern, Kapitulieren und Verlassenwerden handeln, vor allem aber von der Traurigkeit als einem der intensivsten und schönsten Gefühle. Bevor Rösinger „Mein zukünftiger Exfreund“ singt, den Hit ihrer alten Band Lassie Singers, entschuldigt sie sich, das Liebeslied habe sie vor 18 Jahren geschrieben, als sie „jünger und dümmer“ gewesen sei. „So am Ende war ich noch nie, das ist die melancholische Hypochondrie“, klagt sie in der fröhlich schunkelnden Lebensbilanzballade „Es ist so arg“. Am Ende mischt sich in den fußtrampelnden Jubel ein Ruf aus dem Publikum: „Schlimm.“ Ja, es ist arg – und wunderbar. Christian Schröder

KLASSIK

Unverzärtelt: Rafal Blechacz spielt Chopin im Kammermusiksaal

Ein reines Chopin-Recital, wie es beim Publikum beliebt und dennoch aus der Mode gekommen ist, das liegt bei einem Spezialisten wie Rafal Blechacz auf der Hand. Doch das Berlin-Gastspiel des 25-Jährigen zeigt auch die Klippen des Unterfangens. Zu sehr setzt das Programm auf die Balladen-Mazurken-Walzer-Schmankerln, um dem Salongeplätscher zu entgehen. Ein großes Werk, eine Sonate oder Fantasie, hätte dem entgegensteuern können. Und nach 90 Minuten ist der Spaß schon zu Ende, im ausverkauften Kammermusiksaal bejubelt.

Doch wie Blechacz das alles spielt, versöhnt sofort. Mit äußerster Sensibilität, einer fast lautlosen Bescheidenheit tritt er hinter das Werk seines Meisters zurück, will nur ihm Gehör verschaffen und nicht sich selbst. So bleibt die g-Moll-Ballade noch gediegen, erzählend, züngelt nicht mit Liszt’schem Höllenfeuer. Das Scherzo in h-Moll gischtet nicht in Klangwogen, deren Verlauf sich im fast Geräuschhaften verliert. Blechacz ist ein Meister des reifen Maßes. So fesseln im Mittelteil – molto più lento – die Pianofarben eines überwältigenden Melodiestroms. Melancholie, herb und unverzärtelt, wird immer wieder persönliche Aussage, zumal in der zum Schmerzensausbruch gesteigerten e-Moll-Mazurka op. 41. Doch auch die grimmig-nervösen Polonaisen op. 26 zeigen schnell ihren schwermütig-melodischen Kern. Das alles so prachtvoll pointiert, so polyfon durchblutet und – wenn es sein muss! – auch mit geschliffener Brillanz, dass der Geist großer Chopin-Spieler wieder auflebt. Isabel Herzfeld

0 Kommentare

Neuester Kommentar