KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

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Foto:Felix Broede
Foto:Felix Broede

KLASSIK

Prominent: Benefizkonzert

im Kammermusiksaal

„Machet die Tore weit“, um „Sommer“ (Vivaldi) und „Hummelflug“ (Rimski) einzulassen. Mit der Adventsmusik eröffnet der Staats- und Domchor, dessen Knaben- sich heute auf Männerstimmen aller Generationen stützen, unter Kai-Uwe Jirka animierend textdeutlich ein „Benefizkonzert der Klassik-Stars“. Dahinter steht die Stiftung Gute-Tat.de mit ihrem Motto „Jeder kann helfen“. Zum 10-jährigen Bestehen dieser Aufforderung zu ehrenamtlichem Engagement fliegen der Stiftung „Engel“ zu, die exzellent musizieren. Wer nennt die Namen? Ein Moderator von Klassik Radio, der das ohnehin von Herzen beifallfreudige Publikum nach Show-Manier gängelt („großer Applaus für …“), in Komponistenbiografien stochert und mit Zuschauern und Interpreten zu talken liebt. Dabei erfährt man, dass der Echo der wunderbaren Chopin-Spielerin Olga Scheps (hier mit sehr markanter Ballade) „bei mir im Regal“ steht. Der gute Zweck heiligt das Wunschkonzert.

Zärtlich begleiten die Kammersolisten der Deutschen Oper die Soli, darunter zweimal Mozart: David Orlowsky mit dem langsamen Satz des Klarinettenkonzerts, einem Höhepunkt des Abends, und Pianist Sebastian Knauer mit einem Satz „Jeunehomme“-Konzert. Oder Geiger Daniel Hope, den ein Saitenriss nicht aus der Virtuosität bringt. Nils Mönkemeyer spielt Telemanns Bratschenkonzert mit frechem Charme, was dem barocken Pflichtstück gut tut. Kräftigen Romantikton entfaltet Cellist Jan Vogler in vier Stücken. Nach der langen Blütenlese wirkt es wie ein Wunder, wenn die prominenten Streicher und die Pianistin noch in einem Brahmssatz als Kammermusiker harmonieren.Sybill Mahlke

KUNST

Berlin, paarweise: Fotografien

im Ephraim-Palais

Vexierbilder sind Bilderrätsel, die den Betrachter herausfordern. Genau das hat Barbara Metselaar Berthold im Sinn mit ihrer Ausstellung „Filetstücke“ im Ephraim-Palais, indem sie jeweils zwei Fotografien einander gegenüberstellt. Die obere zeigt die Frontstadt in Schwarz-Weiß: Momentaufnahmen aus den späten Siebzigern und Achtzigern, östlich und westlich der Mauer festgehalten. Die Fotografin lebte bis 1984 in Prenzlauer Berg und reiste durch Heirat nach West-Berlin aus. Unter diesenAufnahmen befindet sich ein Bild aus der Gegenwart, in Farbe. Der Bezug ergibt sich durch mal mehr, mal weniger versteckte Analogien. Die Bildpaare regen zum Nachdenken an: über Luxussanierung, Gentrifizierung und Kommerzialisierung.

Eine Aufnahme von 1980 zeigt einen Bauzaun an der Friedrichstraße, dahinter die Ruine des späteren Kunsthauses Tacheles. Damals wurde mit dem Abbau des maroden Gebäudes begonnen, eine Verbindungsstraße sollte über das Gelände führen. Auch das Bild darunter zeigt einen Bauzaun. Er verläuft am Pankepark, dort, wo sich bis 1992 das Stadion der Weltjugend befand und heute neue Townhouses entstehen. Ein alter Gasspeicher verschwindet unter der in Berlin so beliebten historisierenden Plane im Stil einer klassischen Rotunde. Nichts soll den schönen Schein stören. Im Herzen Berlins herrscht im Jahr 2010 die Künstlichkeit vor: lachende Touristen posieren vor Mauersegmenten, als Soldaten verkleidete Studenten am Checkpoint Charlie. Melancholie schwingt in den Bildern mit. Auf den oberen scheint die Zeit stillzustehen, auf den unteren rast sie (bis 27. März; Di–So 10–18, Mi bis 20 Uhr). Daniel Grinsted

KLASSIK

Mit Bravour: Klaviermusik

im Otto-Braun-Saal

Es gibt ihn doch in Berlin, den idealen Kammermusik-Saal. Und zwar genau gegenüber von jener 1000-Plätze-Halle auf dem Kulturforum, die diesen Namen nicht wirklich zu Recht trägt. Leider ist der Otto-Braun-Saal in der Staatsbibliothek schwer zu finden. Wer sich jedoch – vorbei an der Dauerbaustelle – zum Einschlupf rechterhand des Haupteingangs vorgekämpft hat, der betritt einen nicht nur akustisch idealen Ort für kleinformatige Konzerte. Noch reduzierter als in der Philharmonie ist hier Hans Scharouns Formsprache, die edle Maserung der hellen Holzverkleidung einziges Dekor. Diese lupenreine Sechziger-Jahre-Optik schafft eine Atmosphäre, die absolut konzentrationsfördernd ist.

Aberto Ginasteras kühl-kühne 1. Klaviersonate von 1952 passt perfekt hierher. Und Haochen Zhang, der die vorabendliche „Neue Namen“-Reihe des Konzertbüros Schoneberg eröffnet, reizt Ginasteras treibende Rhythmen, seine vorwärts drängende Motorik rasant aus. Bei Chopins Balladen und Brahms Opus 118 dagegen erweist sich der 19-jährige Chinese noch als Suchender. Seine technische Bravour steht außer Frage, auch gelingen ihm ein paar zart-sehnsuchtsvolle Kantilenen, doch interpretatorisch klingt zu vieles noch eingeübt und abgehört, fehlt es an individuellem Zugang zu den Werken. Dagegen gibt es ein einfaches Mittel: Vom Klavierhocker aufstehen und raus, was erleben! (am 17. 12., 18.30 Uhr, spielt der Pianist Nobuyuki Tsujii im Otto-Braun-Saal).Frederik Hanssen

FILM

Durchgedreht: „22 Bullets“

mit Jean Reno

Wenn sich ein Mafia-Boss nach Jahren harten Erwerbslebens endlich zur Ruhe setzen will und seine Ex-Kumpane ihm mit immerhin 22 Pistolenschüssen nach dem Leben trachten, dann liegt es nahe, dass er ein wenig grantig reagiert. Der Wunsch nach Vergeltung treibt den bedauernswerten Fast-Perforierten fortan durch das zugemüllte Straßenchaos von Marseille. Und wenn dann gar Jean Reno diesen unkaputtbaren Mafioso spielt, verspricht das reichlich schneidige Genreunterhaltung à la française.

Ach ja? Tatsächlich kommen diese „22 Bullets“ (in neun Berliner Kinos) ziemlich bleiern daher. Seiner ebenso einfachen wie erprobten Grundkonstellation misstrauend, verplempert Regisseur Richard Berry sein üppiges Kapital, schiebt penetrant formale Spielereien in den Vordergrund und verhaspelt sich dabei ständig aufs Neue. Der Schnitt? Unentwirrbar. Die Kamera? Fuhrwerkt hyperaktiv umher. Die Musik? Komponist Klaus Badelt setzt mit mal sentimentalem, mal dröhnendem Bombast einen drauf.

Hinzu kommt Berrys beharrliche Neigung, Jean Renos Antipoden bloß als Blödiane zu verunglimpfen. Lächerliches Gepose, tief raunende Stimmen: Die Gangster sind Karikaturen von Karikaturen. Muss man noch hinzufügen, dass der hypochondrische Oberschurke mit Kad Merad besetzt ist, einer der Knallchargen aus „Willkommen bei den Schti’s“? Und wenn ein Regisseur von einem tränenselig inszenierten Begräbnis direkt in eine wilde Drogenparty schneidet, die einer der Folterer des Toten organisiert, dann darf man vielleicht sogar von moralischer Frivolität sprechen – zumal am Ende eine kitschige Idee von Familie steht. Kurzum: „22 Bullets“ geht voll nach hinten los. Julian Hanich

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