KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

von

CHANSON

Bekokstes Nachtgespenst:

Ulrich Tukur im Admiralspalast

Auch das noch: Emma Karsulke kennt die Krumme Lanke nicht. Wo Anarchocharmeur Ulrich Tukur die Blonde doch extra aus dem Publikum geholt hat, um mit ihr traut am Ufer zu sitzen. Das sei ein oller Tümpel im Süden von Berlin, erklärt er der rot anlaufenden Touristin aus Hamburg. Gegacker und Protest im Publikum. Die erste Viertelstunde des neuen Programms „Mezzanotte“, mit dem Tukur zum Abschluss seiner Deutschlandtournee im Admiralspalast gastiert, ist kaum um, da herrscht schon Klamaukalarm. Mit dem Akkordeon um den Leib und dem wunderbar präzisen Miniorchester von Lutz Krajenski im Rücken plaudert, singt, spielt Tukur sich mit nasalem Nostalgietenor durch selbst verfertigte Nachtepisoden und Schellacklieder von Charles Trenet über Domenico Modugno bis zu Friedrich Hollaenders „Nachtgespenst“. Der Gassenhauer gerät zu einer völlig bekoksten Nummer. Der Musiker Tukur ist ein großer Entertainer, Schlunzer und Schlawiner. Hänger, Haspler, Stolperer und stimmliche Grenzen macht er durch Hingabe wett. Gegen den dünnen, in der ersten Hälfte häufig knisternden Sound hilft das aber nicht. Schade auch, dass die Nachtgestalten, abgesehen vom Schauermoritatenblock zur Mitternacht und etwas Swing- und Chansonromantik zum Morgendämmer, so laut sind. Dabei kann Tukur, wenn er fein still ist, den Atem der Nacht hörbar machen, wie das schöne Album „Mezzanotte“ zeigt. Gunda Bartels

KLASSIK

Taumeln unter der Schwerkraft: Roger Norrington in der Philharmonie

Man kann nicht behaupten, dass es dem Orchester der Komischen Oper an Selbstbewusstsein mangelt. An einem Tag wird eine Wiederaufnahme bestreikt, am anderen spielen die Musiker ein Sinfoniekonzert in der Philharmonie. Sir Roger Norrington ist angereist, um ein Mozart-Programm einzustudieren. Einst Vorkämpfer der historisch informierten Aufführungspraxis, hat Sir Roger längst die Nische der Spezialensembles verlassen und gibt sein Wissen heute vor allem an Orchester mit modernen Instrumenten weiter. Für die Musiker der Komischen Oper zerlegt er Mozart in eine Reihe elementarer Schwingübungen. Dirigiert wird immer hinein in die nächste Senke, die Noten müssen so lange ausgehalten werden, bis man diese erreicht. Dann rafft man sich wieder auf, und das Spiel beginnt von neuem. Das liest sich nicht leichtfüßig – und es klingt auch nicht so. Denn wie man dieses Taumeln unter der Schwerkraft auch wieder aufheben kann, dahin sind Norrington und die ausgeruhten Opernmusiker nicht vorgedrungen. Am besten verträgt sich ihr gravitätischer Meta-Mozart mit dem barocken Trauergestus in Adagio und Fuge KV 546 und der „Jupiter“-Sinfonie mit ihren architektonischen Widerworten. Bei der frühen A-Dur-Sinfonie KV 114 und dem Flötenkonzert KV 314 (mit dem gelösten Soloflötisten Matthieu Gauci-Ancelin) hingegen lässt sich ein Mangel an Esprit nicht verbergen. Es wäre Zeit für mehr Charme. Ulrich Amling

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