KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

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KLASSIK

Am Puls: John Eliot Gardiner mit dem Monteverdi Choir in der Philharmonie Der Wettbewerb in der Musikstadt Berlin ist hart, die Ticketpreise sind niedrig. Neue Veranstalter drängen auf die Podien, auswärtige Festivals wollen ihre Visitenkarte abgeben, und der Klassikfan hat den Vorteil davon. Innerhalb weniger Tage konnte man gleich drei große britische Dirigenten und Pioniere der historischen Aufführungspraxis erleben: Hogwood, Norrington und Sir John Eliot Gardiner, mit seinem Monteverdi Choir und den English Baroque Soloists als Botschafter im Namen von „Soli Deo Gloria“ unterwegs. So unterzeichnete Bach seine Werke, so taufte Sir John sein Plattenlabel und so heißt das Alte-Musik-Festival im nahen Braunschweiger Land, das mit Bachs Adventskantaten in der Philharmonie auf sich aufmerksam machen will.

Was für ein strahlendes Aushängeschild! Gardiners Bach ist perfekt gerundet musiziert, erfüllt von innerem Pulsen, mit weitem Atem für kräftige Gesten. Der Monteverdi Choir intoniert gestochen scharf, mit einem Glanz fern jeder Süßlichkeit. Auch die Solisten treten aus ihm hervor, wirken dann aber etwas verloren. Mag sein, dass der rigorose Sir John einzelne Stimmen nicht so zum Schweben zu animieren vermag wie ein René Jacobs oder William Christie. Seine Kollektive aber bringt er mit ruhiger Hand zum Tanzen. Und in der Philharmonie hört man kaum einen Huster mehr. Ulrich Amling

POP

Die verfluchten Kids:

MGMT in der Columbiahalle

Mit ihrem Debütalbum „Oracular Spectacular“ gelang Ben Goldwasser and Andrew VanWyngarden vor zwei Jahren ein Welterfolg. Seitdem haben die ehemaligen Musikstudenten den Sound ihrer Gruppe MGMT hörbar weiterentwickelt. Leider wollen nur wenige Fans die Entwicklung in eine psychedelischere, experimentellere Richtung mitmachen: Die Columbiahalle ist trotz umfangreicher Kartenverlosungen nur etwa halb voll. Davon unbeeindruckt liefern die Amerikaner eine große Show und spielen sich euphorisch durch ihr neues Album „Congratulations“. Das mäßig beeindruckte Publikum spendet zurückhaltend Applaus. Richtig Stimmung kommt erst mit „Electric Feel“ auf. Die fünfköpfige Band dudelt einen ihrer größten Hits routiniert herunter und die Menge rastet aus.

Danach spielen sich MGMT druckvoll durch die neuen Stücke und hauchen ihnen eine Kraft ein, die der CD fehlt. Der geniale Gitarrist schwingt sich auf den Metallhelden von Manowar Konkurrenz zu machen. Die Zuhörer kann er damit allerdings nicht beeindrucken: Viele schlendern lieber zur Bar. Die Erlösung für die Menschen vor der Bühne kommt, als die Musiker demonstrativ ihre Instrumente zur Seite legen und vom Band die ersten Takte ihres Charterfolgs „Kids“ ertönen. Während die Sänger lustlos ihren Fluch vom ersten Album abhandeln, genehmigen sich die restlichen Bandmitglieder ein Bier und hantieren selbstironisch mit Triangeln und Rasseln. Die Halle tobt, die Melodie erklingt aus vielen Kehlen. Als sich jemand eine Gitarre umschnallt und unbeeindruckt die Melodie entstellt, wenden sich die Ersten zum Gehen. Dennoch brettern MGMT über fast zehn Minuten eine gewaltige Zugabe hin. Die Band und ihr Publikum haben sich ganz offensichtlich auseinandergelebt. Jakob Wais

KUNST

Einzigartig: Rumänische Ikonen

im Kunstforum der Volksbank

Sie sind anrührend wie Kinderzeichnungen, leicht wie frisch gefallener Schnee, von magischer Strahlkraft. Hinterglasikonen aus Rumänien bekommt man selten zu sehen, als stammten sie aus einer fernen, rätselhaften Kultur. Daran ist etwas Wahres: Im 19. Jahrhundert hat sich in Transsilvanien diese religiöse Malerei entwickelt, eigentlich nur dort. Das Bildprogramm ähnelt den auf Holz gemalten Ikonen anderer orthodoxer Kirchen, doch das Glas als Bildträger verändert viel. Die Figuren erscheinen zarter, die Farben kräftiger, naiver – an solchen bäuerlich schlichten, verrutschten Darstellungen eines Heiligen Georg, eines Christus mit dem Rebstock oder einer Gottesmutter scheint die Verbindung zur Moderne auf. Andy Warhol kam in der Kindheit mit dieser Bilderwelt in Berührung, die sich im Kunstforum der Berliner Volksbank in der einzigartigen Schau „Poesie des Glaubens“ ausbreitet. 200 Hinterglasikonen aus den Privatsammlungen Muntean (Berlin) und van Riesen (München) sowie Leihgaben aus Rumänien – diese Fülle und Qualität wird man auf einem Fleck so schnell nicht wieder sehen (Budapester Str. 35, bis 19. 12., tägl. 10–18 Uhr). Wie die Seele, so ist auch Glas zerbrechlich, und manchmal ist das Licht schwarz, wir sind schließlich in den Karpaten. Rüdiger Schaper

KLASSIK

Sängerkrieg: Bundeswettbewerb Gesang in der Komischen Oper

Die Atmosphäre knistert, Bravos fliegen durch die Komische Oper. Im Finale des Bundeswettbewerbs Gesang 2010 wird um die Preise gestritten, und erstaunliche Hoffnungsträger sind unter den 25- bis 28- Jährigen: 11 Finalisten aus 242 Bewerbern, der beliebte Sängerkrieg zum 39. Mal. Der Jahrgang kann sich hören lassen. Und sehen: schmale Model-Taillen, ausladende Abendkleidung. Und Blicke: Augenrollen mit Ironie. Katharina Bergrath singt mit Leichtigkeit, wie es sich für eine Christel von der Post gehört. Moderator Roger Willemsen spinnt das Thema Post heute gut gelaunt fort. Oder Andreas Burkhart, ein Graf Almaviva, in dem noch ein Stückchen Tölzer Knabe steckt, aber mit dem rechten Zorn im Ausdruck und flexiblem Bariton.

André Schmitz spricht die Qual der Wahl an, die der Jury unter Vorsitz von Gerd Uecker auferlegt war, und überreicht den mit 10 000 Euro dotierten ersten Preis (des Regierenden Bürgermeisters) an Silvia Hauer, die ihn verdient hat, mit ihrem souveränen Mezzo und ihrer Bühnenpräsenz als Rosina, besonders einfühlsam begleitet vom Orchester des Hauses unter Friedemann Layer. Weitere Hauptpreise an Maraike Schröter mit wuchtiger Hallenarie und Gloria Rehm. Eine Entdeckung im Zeitgenössischen: Paula Rummel, eine echte Aribert-Reimann-Sängerin.Sybill Mahlke

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