KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Immer wieder auf Anfang:

András Schiff im Kammermusiksaal

Die Frage nach dem Werk für die einsame Insel dürfte András Schiff mit den Goldberg-Variationen beantworten. Seine erste Einspielung von Bachs Zyklus war vor fast dreißig Jahren die Eintrittskarte in die internationale Pianistenszene, seither sind zahlreiche Aufführungen (und eine zweite Aufnahme) gefolgt, die seine Entwicklung als Künstler dokumentieren wie Jahresringe das Wachstum eines Baums. Selbstverständlich stehen die Goldberg-Variationen auch im Zentrum von Schiffs Berliner Bach-Zyklus und im Kammermusiksaal zeigt sich schnell, wie weit sich der 56-Jährige von seinen unbefangenen Anfängen entfernt hat.

Es ist ein Abend voll hohepriesterlicher Strenge, das signalisiert Schiff schon durch die Zeitlupe, mit der er an den Flügel schreitet. Der Spaß, der sich aus der Virtuosität der schnellen Nummern mit ihren Mini-Fanfaren und Schnörkeln gewinnen ließe, interessiert ihn nicht. Schiff geht es um die große Linie, um einen in dreißig Varianten durchgespielten Dialog zweier Prinzipien: Während die rechte Hand immer wieder mit Trillern und Pirouetten verweilen will, treibt die linke mit lakonischem Staccato voran. Ein Diskurs über den Gegensatz zwischen Schönheit und Vergänglichkeit. Wenn nach dem Kehraus der Schlussvariation wieder die Aria des Beginns steht, ist das bei Schiff ein sanfter Trost: Die Gewissheit, dass das Leben immer wieder von vorne beginnt. Jörg Königsdorf

KUNST

Die Gefühle des Chamäleons:

Mark Lammert in der Guardini Galerie

Die einen glühen wie Sternschnuppen. Die anderen treiben wie Seerosen auf dem Wasser. Die Dritten scheinen wie Versteinerungen in die Leinwand gepresst. Die Farbflecken, die Mark Lammert auf verschiedene Untergründe aufträgt, passen ihren Charakter chamäleonhaft der Umgebung an. Oder sind es unsere Augen, die uns einen Streich spielen? Wie nehmen wir Farbe wahr? Diese Frage untersucht der Käthe-Kollwitz-Preisträger von 1999 in der Guardini Galerie (bis 21. Januar, Askanischer Platz 4; Di - Fr 14 - 19 Uhr).

Lammerts vierteilige Serien wirken dabei wie Versuchsanordnungen zu Raum, Zeit und Licht. Auf hellem Grund scheinen die Pastelltöne über Jahrhunderte eingewachsen zu sein, platt gedrückt unter dem Gewicht der Zeit. Auf der schwarzen Leinwand flackern sie wie Mündungsfeuer. Manöver heißt die Serie. Und die „Floaters“ schwimmen träge auf der azurblauen Oberfläche, deren Tiefe nicht zu ergründen ist. Die Betrachter können mitspielen bei diesem Experiment und testen, wie sich die Farbe auf’s eigene Gemüt auswirkt. Es zeigt sich: Auch die Stimmung passt sich der Umgebung an und kann wechseln wie die Farben des Chamäleons.Simone Reber

KUNST

Rätsel Biomüll: Eberhard Havekost

in der Galerie Heiner Bastian

Die jüngste Werkgruppe „Jetzt“ kommt frisch aus dem Atelier des in Berlin lebenden Malers Eberhard Havekost. Die zehn kleinen Leinwände versetzen Wahrnehmung und Geist in kreisende Aktivität. Hier blinzelt ein Krokodilsauge aus dunklem Hintergrund, da ploppt eine unscharfe Haarlocke vor Farbnebeln gleich zweimal auf, leicht variiert. Vergeblich versucht man, die verschwommen vergrößerten Motive zu entziffern, die sich im Abstrakten verlieren. Für solche heterogen vervielfältigten Wahrnehmungsschnipsel ist der 1967 geborene Havekost bekannt, der wie Neo Rauch und Thomas Scheibitz zu den Malerstars der Nachwendezeit gehört. Neuerdings aber mischen sich ungewohnt expressive Töne in das Havekostsche Bilderrauschen. Pastose Farbstriche sitzen roh auf der weißen Leinwand, als wolle der Maler noch einmal ganz von vorn beginnen und vorführen, was das ist: Malerei.

Der Sammler Heiner Bastian zeigt die jüngste Produktion Havekosts nun zusammen mit einigen älteren Arbeiten des Künstlers aus seiner Kollektion in seiner Galerie (Am Kupfergraben 10, bis 22. Januar, Do u. Fr 11 - 17 Uhr, Sa 11 - 16 Uhr). Gehängt hat der Maler seine Ausstellung wie immer selbst. Eine amerikanische Flagge kombiniert er mit einem unscharfen Blitzlichtfoto Fidel Castros. Die 18-teilige Bildfolge „Privat“ führt Detailansichten von Küchenspüle, Biomülleimer und Bürostuhl vor, verrätselte Oberflächen des banalen Wohnalltags. Wer mehr von Havekosts kühlen Reflexionen der Gegenwart sehen will, muss nach Dresden fahren. In seiner Geburtsstadt präsentiert der Künstler im Lipsiusbau gerade eine große Retrospektive – unter dem Titel „Ausstellung“ (bis 6. Februar). Elke Linda Buchholz

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