KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

von

KLASSIK

Liebesnacht und Totentanz:

Neeme Järvi bei den Philharmonikern

Auch Einspringen will gelernt sein und einen alten Hasen wie Neeme Järvi kann da zunächst wenig schrecken. Auf alle Fälle ist das Repertoire des gebürtigen Esten reich genug, um den erkrankten Kirill Petrenko mit dessen Programm bei den Philharmonikern zu vertreten. Schostakowitsch, Strauss, Tschaikowsky: Liebe & Tod, Musik & Dichtung im Fadenkreuz von Vertonung und ästhetischem Programm. Durch alle drei Partituren bewegt Järvi sich mit schlafwandlerischer Sicherheit und Souveränität, fast schon routiniert, als fechte ihn nichts an, selbst in den tumultuösen Ausstülpungen des Strauss’schen „Don Juan“ nicht, den er mit viel frühexpressionistischem Saft abfüllt. Sehr schön, wie die Selbstherrlichkeit des literarischen Herzensbrechers (nach Nikolaus Lenau) sich schließlich in einem postkoitalen Decrescendo davonschleicht und erstirbt.

Den Philharmonikern meint man trotzdem anzuhören und anzusehen, dass der gestrenge Petrenko ihnen lieber gewesen wäre (zumal Järvi nächste Woche ohnehin wieder bei ihnen zu Gast ist) – nicht zuletzt weil ein romantischer Schmachtfetzen wie Tschaikowskys „Francesca da Rimini“ sich substanziell eher in der Zurücknahme der Mittel erschließt und weniger im Auf-die-Tube-Drücken. Das allerdings macht Järvi ganz offensiv, mit Liebe zur Poesie, was ihm die Holzbläser wiederum mit manch beseeltem Solo danken.

Eingeläutet wird der Abend von Schostakowitschs berüchtigter Vierzehnter Symphonie, eine Art danse macabre für Sopran, Bass und Kammerorchester aus dem späten Jahr 1969. Elf „Lieder“ (nach Lorca, Apollinaire u. a.), die einen in ihrer kompositorischen Nacktheit und Konsequenz Schauer über den Rücken jagen – selbst wenn Järvi auch hier mehr am kirchentonartig-düsteren Klangfarbenzauber interessiert ist als an der Offenlegung des strukturellen Gebeins. Olga Mykytenko und Anatoli Kotscherga, die beiden Gesangssolisten, entledigen sich ihrer Aufgabe sehr idiomatisch und durchaus anrührend und das philharmonische Schlagwerk steuert Rhythmen bei, die mehr als einmal ans letzte Gericht denken lassen (wieder: heute, 11.12., 20 Uhr). Christine Lemke-Matwey

THEATER

Quotenmoslem trifft Atheistin:

„Ich geb dir gleich heilig“ im Pier 9

„Du heißt jetzt Heike!“ Der fülligen Frau auf der Bank eines Neuköllner Waschsalons wird der Stress zuviel. Die Angesprochene hat in den letzten Minuten hektisch versucht, auf der Bühne des Pier 9 Maria und Josef zu finden, um ihnen die Botschaft von der baldigen Geburt ihres Sohns Jesus zu verkünden. Doch von den anderen hat kaum einer Interesse daran. Kein Wunder: Um Heike herum stehen ein Buddhist, eine Jüdin, mindestens zwei Atheistinnen, ein „Quotenmoslem“ und eine Alewitin. Diese absurde Konstellation ist Ausgangspunkt des Stücks „Ich geb dir gleich heilig“ (wieder: heute, 11.12., 16.-18.12., 20 Uhr), das zehn Neuköllner Laiendarstellern im Pier 9, der Probebühne des Heimathafen Neukölln, zeigen.

Die Regisseurinnen Anne Freybott und Stefanie Aehnelt erkundeten im Sommer das religiöse Leben Neuköllns. Sie erlebten ein Fastenbrechen, warteten auf einen duschenden Imam und erfuhren, wie Obsternte bei der Überwindung kultureller Schranken helfen kann. Vor allem aber fanden sie ihre zehn Darsteller, mit denen sie ihr Stück entwickelten. Das ist immer dann sehr gut, wenn die Schauspieler einzeln vor die Waschmaschinen treten und aus ihrem Leben erzählen. Und immer dann ein bisschen langatmig, wenn sie Rituale ihrer Religionen detailliert vergleichen. Aber am Ende sitzen alle an einem Tisch vor einem Topf. Darin dampft eine Speise namens Mante, „sowas tortellinimäßiges“. Und alle sind sich einig, dass sie nach diesem Leben ins Paradies kommen. Wo es laut Heike übrigens so aussieht „wie in der fränkischen Schweiz“. Knud Kohr

KUNST

Wolkenkratzer schauen dich an: Skulpturen von Mark Hadjipateras

Eine eigene Welt entwirft Mark Hadjipateras in seiner ersten Einzelausstellung in Deutschland. Kniehoch tummeln sich in der Griechischen Kulturstiftung Berlin die metallic-lackierten Bewohner (Wittenbergplatz 3a, bis 28. 1., Mo-Fr 10-16 Uhr). Seine „City Dwellers“ formt der 57-Jährige aus Fiberglas und überzieht sie mit Karosseriefarben. Eine angedeutete Taille oder ein Phallus lassen auf das Geschlecht der Figuren schließen – ein Gesicht haben sie hingegen nicht. Eisern drohend recken sich dahinter großformatige „Totems“, die Hadjipateras mit Teer übergossen hat. Der Künstler beweist Humor, wenn er seinen Wesen futuristische Wolkenkratzer in Waffeleisen-Optik zur Seite stellt. Die Wohnblöcke haben Köpfe und Füße. Die Umgebung ist aus Sand entworfen. Wer weiß, wie schwer es ist, eine akkurate Sandburg zu errichten, steht staunend vor Sternen, Kegeln, Kreisen und Kugeln. Im Kontrast zu den Skulpturen stehen Hadjipateras’ Kostümskizzen: Traditionelle afrikanische und türkische Elemente sind genauso erkennbar wie Anleihen aus dem frühen Mittelalter. Jakob Wais

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben