KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

ROCK

Mit fettem Bauch:

Monster Magnet im Postbahnhof

Das Hirn voll Chemie, im Hinterkopf der Soundtrack für ein Bikermovie, und das Wah-Wah-Pedal bis zum Anschlag durchgetreten: So donnern Dave Wyndorf und Monster Magnet aus New Jersey seit über zwanzig Jahren auf den Spuren von Hawkwind, Blue Cheer und Black Sabbath durch blubberndes Gelände und eine bunte Drogen-, Sex- und Bikerwelt. Es beeinflusst die Stimmung im Postbahnhof keineswegs, dass Dave Wyndorf nach seinem letzten Zusammenbruch wegen Drogenkonsums vor vier Jahren seinen Körperumfang verdoppelt hat und nicht mehr in die alten Lederklamotten passt – ein Rockerschicksal halt. Sonst ist alles wie gehabt. Mit frischer Leibeskraft trägt Wyndorf seine abenteuerlichen Fantasynovellen vor und die Kollegen demonstrieren auf verblüffende Weise, dass man zusammenspielen kann, ohne den Leadgitarristen in seinem Wahn zu bremsen. Das ist Hardrock in seiner erschlagendsten Form: überquellend psychedelisch, mit zischenden Spacerockeffekten, speckigen Bratzriffs und Felsengewitterdrums. Nach einer Stunde steuert die Band auf das Finale zu: „Spacelord“, ihr Hit mit dem „Motherfucker!“-Brüll-Refrain, liefert den Höhepunkt, bevor ein betäubender Zugabenteil die Sause beendet. Mit verträumten Blick genießt Dave Wyndorf den Augenblick des Triumphs. Dann schnippt er sein Plektrum so lässig ins Publikum, dass es aussieht, als wolle er unbemerkt Kaugummipapier wegwerfen. Volker Lüke

KLASSIK

Mit großen Augen:

Kunstlieder in der Ölberg-Kirche

Das Kunstlied gilt als genuine Gattung des 19. Jahrhunderts (Schubert! Schumann!). Doch die Musikgeschichte ging weiter, auch im 20. Jahrhundert schrieben Komponisten Lieder. Darauf will die Reihe „Liedgut“ in der Kreuzberger Ölberg-Kirche (www.liedgut.info) aufmerksam machen, die der Tenor und Musikpädagoge Lutz Pfingsten ins Leben gerufen hat. Ihr Verdienst: Sie führt unbekanntes Repertoire auf. Wer weiß schon, dass Michelangelo auch Sonette geschrieben und Benjamin Britten sieben davon vertont hat? Markant hebt sich in diesen Liedern die expressive Klavierbegleitung von der kantablen Süße der Gesangsstimme ab. Pianist Markus Zugehör spielt sie mit Lust am harten Anschlag. Rezitator David Hannak liest lächelnd, mit großen Augen, die deutsche Übertragung. Das Problem des Abends ist Pfingsten selbst. Sein warmer Tenor fühlt sich nur in der Mittellage wohl. Die Passage in höheren Regionen gelingt nur brüchig, die Intonation gerät ins Schwimmen. Dass es anders geht, zeigt Rainer Killius mit glänzendem Baritonschmelz in den drei Michelangelo-Gedichten, die Hugo Wolf vertont hat. Der passt mit seinem poetischen Stil, der in der Romantik wurzelt und doch die Moderne im Blick hat, hervorragend ans Ende dieses Abends. Udo Badelt

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