KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

Daniel Wixforth

KLASSIK

In der Zeitmaschine:

Die Camerata Vocale im Konzerthaus

Die Frauen der Familie Hilsberg sind Arbeitstiere. Während Etta Hilsberg den selbst gegründeten Chor Camerata Vocale Berlin nicht nur managt und dirigiert, sondern bei diesem adventlichen Nachmittag im Konzerthaus auch Inspizientenaufgaben (wie das Verrücken von Musikerstühlen in der Konzertpause) höchstpersönlich übernimmt, leitet Inga Hilsberg nach der Pause durch die Uraufführung des Weihnachtsoratoriums ihrer Schwester Esther. Die wiederum ist dabei nicht nur als Komponistin anwesend, sondern singt gleich noch den Solosopran.

Ein familiäres Continuum, das dieses als Gegenüberstellung angelegte Programm zusammenhält. Erst der vertraute Weihnachtsteil aus Händels „Messias“ in der Bearbeitung von Mozart, dann soll der gleiche Stoff musikalisch neu aus dem Jahr 2010 beleuchtet werden. Dass dieser Kontrast in der Praxis nicht aufgeht, liegt zumindest nicht an Händel. Obwohl Etta Hilsberg bisweilen sehr risikolos durch den Messias führt und das Radio Symphonie Orchester Pilsen nur selten Klangkunst entfalten darf, entsteht hier eine homogene, vor allem vom fein ausdifferenzierten Chor und dem lyrischen Bariton von Tobias Scharfenberger getragene Interpretation. Nur kann sich die folgende Uraufführung davon nicht wirklich absetzen. Das Weihnachtsoratorium von Esther Hilsberg ist so traditionsverliebt, dass es vorbehaltlos von einem Zeitgenossen Händels hätte stammen können.

Zwar beweist die Komponistin etwa in dem „Wiegenlied Maria“, das sie selbst mit charmant zerbrechlichem Sopran singt, Gespür für haftende Melodik, alldem aber haftet auch die Frage an, ob man eine gesamte Komposition lang 250 Jahre Musikgeschichte einfach ausblenden darf? Das Publikum im Konzerthaus bejaht das, wenn auch nicht frenetisch. Außerhalb der Adventszeit wäre so viel kompositionsästhetisches Harmoniebedürfnis aber vermutlich schwer zu rechtfertigen. Daniel Wixforth

THEATER

Mutter, Mutter, Kind:

Lola Arias’ „Familienbande“ im HAU

„Das hört sich kompliziert an, ist es aber nicht“, sagt die zwölfjährige Lena leichthin, nachdem sie ihre Familie beschrieben hat. Die Geschichte, die sie mit den Figuren einer Puppenstube veranschaulicht, ist jedenfalls ungewöhnlich: Nachdem sich Lenas Eltern getrennt haben, verliebt sich ihre Mutter Katja Bürkle in die Schauspielkollegin Silja Bächli. Da sie sich noch ein Kind wünschten, springt Lenas Vater Florian Huber als Samenspender ein. Und so kommt der kleine Moses zur Welt.

Die argentinische Autorin und Regisseurin Lola Arias hatte für ein Projekt mit den Münchner Kammerspielen ursprünglich nur eine Schauspielerin mit Kind gesucht – und verguckte sich dann in diese Regenbogen-Patchwork-Familie. Arias ist eine gefeierte Vertreterin des neuen dokumentarischen Theaters. Also spielt in „Familienbande“ jeder sich selbst. Das echte Leben soll hier die Kunst beglaubigen. Die Sucht nach dem Authentischen erweist sich allerdings als tückisch. Videobilder und Theateraktion überlagern sich. Die Zuschauer sehen den Müttern und ihren Kindern beim Aufstehen zu. Am Frühstückstisch werden Aufklärungsgespräche geführt: über das Ei, die Henne und künstliche Befruchtung. Silja Bächli greift immer mal wieder zur Gitarre, singt Countrysongs und macht ihrer Partnerin eine Liebeserklärung. Florian Huber rauscht dann auf einem Motorrad herein und nimmt Lena auf eine Spritztour mit.

Diese liebenswerten Fünf spielen Alltag und landen bald im Puppenstubenidyll. Arias scheint versichern zu wollen, dass dieses Familienmodell funktioniert. Nur kurz wird auf die schwierige Rolle des Vater angespielt, der sich auf der „Seitenbühne“ agieren sieht. „Familienbande“ verharrt an der Oberfläche. Gegen Ende muss die Vorstellung im HAU 2 unterbrochen werden, weil Bächli sich verletzt hat und blutet. Mit Kopfverband macht sie weiter. So bleibt der Eindruck zurück: Alle Wunden wurden sorgsam verarztet. Sandra Luzina

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