KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

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POP

Voll die Neunziger:

Selig in der C-Halle

Wenn Alt-68er zu Stones-Konzerten gehen, grinst die jüngere Generation. Lasst euch einsalzen, Opis! Aber was ist daran eigentlich so schlimm? Die Alt-95er machen schließlich genau das Gleiche. Wenn die 2009 nach langjähriger Pause wiedervereinigten Hippie-Rocker von Selig in der C-Halle spielen, wird die Veranstaltung zur Zeitreise zurück in die Neunziger. Frontmann Jan Plewka steht, zart und glatzköpfig, in Messias-Pose vor einer übertrieben flimmernden Scheinwerferwand, klatscht den Takt vor, seine Stimme ist warm und leidenschaftlich wie früher, Gitarrist Christian Neander schießt ein verzerrtes Grunge-Riff nach dem anderen ab. Die Band spielt Hits von allen ihren Alben, von „Selig“ (1994) bis zum Anfang Oktober erschienenen „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“. Schon beim fünften Lied singt der Saal den Refrain mit. An einer Stelle zieht Plewka ein mit dem Bandschriftzug bedrucktes Tablett hervor und spiegelt damit in den Zuschauerraum. Hallo? Was wird hier serviert? Neben Gitarrensoli vor allem: Emphase. Ständig sind alle Hände in der Luft, lässt Plewka das Publikum Singspiele machen, seine Ansagen sind eher dünn: „Berliiiiiiiiin!“ Die großen Neunziger-Hits hebt die Band sich für die Zugaben auf, sie funktionieren noch, alles funktioniert. „Wir sind Selig“, hatte Plewka zur Begrüßung gerufen, „wir hoffen, ihr seid es auch!“ Konnte man durchaus so sagen. Jan Oberländer

KUNST

Alles neu macht der Herbst:

der Katalog der Gemäldegalerie

Die Alarmanlage schrillt nicht gleich. Jetzt kann man nah herantreten an das Porträt, das Jan van Eyck von dem hochmütigen Adeligen gemalt hat. Kann die Schatten der Bartstoppeln bewundern, die Hautunebenheiten und die Falte auf der Wange. Erstmals versucht der Künstler, der Wirklichkeit nahe zu kommen. Mit ihm entdeckt die Malerei im 15. Jahrhundert die individuellen Gesichtszüge. Zwei weitere Neuerer sind nun ebenfalls in den prachtvollen, gerade neu erschienenen Katalog „Berliner Gemäldegalerie (200 Meisterwerke, Nicolai Verlag, 39 €)) aufgenommen. Cornelis Bega stellt um 1660 eine Bauernfamilie derb, aber ernst dar. Er verabschiedet sich damit von der Tradition, das ländliche Milieu zu persiflieren. Der respektvolle Blick ermöglicht ihm, die Wollstoffe der Kleider wie sinnliche Körper zu malen. Jan Fyt erfindet die Begegnung von Jagdbeute und lebenden Tieren. Vor dem dunklen Wald wollen edle Hunde über einen erlegten Hirsch herfallen. Die Decke der Zivilisation ist dünn. Schließlich – noch etwas Neues – hat der Kaiser-Friedrich-Museums-Verein das Pendant zu dem Bild „Das Frühstück“ von Jean-Francois de Troy erworben. Für „Die Lesende“ setzt der Maler das schimmernde Rückendekolletee ins Licht. Jetzt flirren beide Frauenbilder um die Wette. Simone Reber

KLASSIK

Der Völker Stimmen: Händels „Belshazzar“ in der Philharmonie

Im Palast von Babylon wird ein betrunkener König, der Gott lästert, „von seinen Knechten umgebracht“. So heißt es bei Heinrich Heine, und um diese Nacht geht es in Händels englischem Oratorium „Belshazzar“, das den biblischen Bericht auf mehrere Stunden streckt. Musik, die zu Herzen geht, weil sie die kriegerischen Aspekte mit menschlichen verknüpft. Babylonier, Perser und Juden stehen sich gegenüber, drei Völker im Kampf, musikalisiert in der Mannigfaltigkeit der Chorsätze wie in Einzelschicksalen. Deren Rollen lässt der Philharmonische Chor in der Philharmonie auf die Bühne der Fantasie treten, denn das Oratorium kommt aus der Rezitativ- und Arienkunst der italienischen Oper. Das Solistenensemble bildet sich aus Männer- und Frauenstimmen auch in Männerrollen. Cyrus, der Perserfürst, wird mit dunklem Alt von Ingeborg Danz gesungen, und Countertenor Derek Lee Ragin, als Prophet Daniel eine Idealbesetzung, klingt wie ein Himmelsgruß in das irdische Drama. Das fechten Hanno Müller-Brachmann auf persischer Seite, Jörg Dürmüller in der Titelpartie und Ruth Ziesak als seine betrübte Mutter aus. Im Affekt gerät auch sie souverän in die wildesten Koloraturen. Mit den Chören ein spannendes Sängerfest. Bis alles erstarrt unter den Achteln der Streicher: „Behold, see there!“ Das Menetekel der Schrift an der Wand. Mit Pauken und Trompeten siegt der Perser. Aber am meisten rührt sein Duett mit der Mutter des Besiegten: „Sieh’ nun in Cyrus deinen Sohn.“ Mit der Batzdorfer Hofkapelle auf historischen Instrumenten gelingt Dirigent Weigle, was bei solchen Großprojekten selten ist: klangliche Balance. Sybill Mahlke

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