KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

PUNK

Überzeugungstäter:

Slime im SO 36

Als die erstarrten Siebziger versanken und Punk nach Deutschland schwappte, verbanden Slime den neuen Sound mit linken Parolen und waren plötzlich eine politische Stimme wie sonst nur Ton, Steine, Scherben. Als Reaktion auf Polizeikessel und Hausdurchsuchungen lieferten sie mit Songs wie „Bullenschweine“ oder „Polizei SA/SS“ den Soundtrack für Häuserkämpfe und Straßenschlachten. Dass mehrere ihrer Stücke auf den Index kamen, hat ihre Popularität nur gesteigert. So kann die Band aus Hamburg noch heute das SO 36 zweimal hintereinander füllen. Es herrscht eine Fanblock-Stimmung wie am Millerntor bevor – „Tatütata!“ – eine Polizeisirene den Auftritt der Überzeugungstäter einläutet.

Schlagzeug und Bass füllen den Saal mit flotten Ufta-Ufta-Rhythmen, die Gitarren sägen metallisch und Sänger Dirk Jora im St.-Pauli-Trikot brüllt sich mit ungebrochener Störtebeker-Rebellen-Attitüde durch das beliebte Untergangsszenario: „Legal, Illegal, Scheißegal“, „Weg mit dem Schweinesystem“, „Deutschland muss sterben“ – alles Mitgröl-Refrains, die tief in die Körper ihrer Anhänger eingedrungen sind . Vor „Linke Spießer“ beklagt sich der 50-jährige Frontmann über die Entwicklung der Grünen und wettert gegen Nazis, Castor, Sarrazin und Stuttgart 21. Der zugedröhnte Alt-Fan fühlt sich verstanden. In einer Wolke aus Schweiß und Bier wird das 30-jährige Slime-Jubiläum gefeiert, bis es im rappelvollen SO 36 so heiß und stickig ist, dass man den rechten Stinkefinger für einen Wasserwerfereinsatz geben würde. Volker Lüke

OPER

Blindenhörer:

„Into the dark“ im Funkhaus

Die größte Grenzerfahrung ist der Beginn. Das Licht im Kleinen Sendesaal des Funkhauses Nalepastraße verlöscht, die 56 Besucher tauchen ein in die vollkommene Dunkelheit. Was wird geschehen – Beklemmung, Angst, Panik? Nichts davon. Man liegt geborgen, kennt den Raum und weiß, dass nach 70 Minuten alles wieder vorbei ist. Sabrina Hölzer, Regisseurin der Zeitgenössischen Oper, hat viel Energie und Aufwand in ihr neues Projekt „Into The Dark“ (www.intothedark.de) gesteckt. Seit Jahren erkundet sie theatralische Räume, will Bilder allein mit der Kraft der Musik erzeugen, die Wahrnehmung des Zuhörers zum eigentlichen dramatischen Akt machen. Die Streicher des Solistenensembles Kaleidoskop leisten dabei Enormes. In der absoluten Dunkelheit finden sie, trainiert von Blindenführern, ihren Weg zwischen den Liegen, streichen auch unmittelbar an den Besuchern vorbei, koordinieren ihr Spiel nur durch lautes Einatmen. So entstehen die tastenden Intervalle von Morton Feldman, die flirrenden Streichertöne von Salvatore Sciarrino, die Attacke des „Beast für Kontrabass Solo“ von James Tenney scheinbar aus dem Nichts. So reizvoll die Idee, so gering erscheint aber am Ende der Erkenntnisgewinn.

Dass man geschärft zuhören würde, war zu erwarten. Wirkliche Dramatik stellt sich trotzdem nicht ein. Die inneren Bilder des Zuhörers, auf die Sabrina Hölzer setzt, reichen dazu nicht aus. Außerdem hört man nicht ohne Grund meist im Sitzen oder Stehen. Im Liegen ist die Wirkung des Klangs eingeschränkt. Er geht einfach über den Zuhörer hinweg. Udo Badelt

KLASSIK

Tondichter:

Philharmoniker mit Arcadi Volodos Was ist Virtuosität? Technische Unfehlbarkeit, wie sie sich in den donnernden Akkorden und Oktavkaskaden in Tschaikowskys erstem Klavierkonzert manifestiert? Arcadi Volodos belehrt uns mit den Berliner Philharmonikern unter Neeme Järvi eines anderen, vielleicht eines Besseren. Zwar sind die berühmten Anfangsakkorde unter den Händen eines der kraftvollsten Virtuosen der jüngeren Generation an gemeißelter Massivität kaum zu überbieten, doch schon im ritardando genommenen Abgesang des hymnischen Themas stellen sich Leichtigkeit und Poesie ein. Da rieselt hauchzart das Passagenwerk, und spätestens im lyrischen, vom weichsten Holzbläser-Gesang eingeleiteten Seitenthema bringt Volodos die tiefinnerliche Seele dieser Musik zum Vorschein: reich in den Piano-Nuancen, und selbst in der Kadenz kostet er jeden Vorhalt melancholisch aus, bevor er sich ins Oktav-Martellato stürzt.

Eine Perle wird so der langsame Satz mit seinen Triller- und Terzenketten – wie Volodos sich überhaupt kammermusikalisch zurückzunehmen weiß, immer wieder den Kontakt zum Orchester sucht. Das blüht unter Järvis behutsamer Führung zu Höchstform auf, wird zum gleichberechtigten Partner und Impulsgeber des Solisten. Mit tänzerisch elektrisierender Körpersprache gibt Järvi sich Rimsky-Korsakows farbenreicher Ballett-Suite „Mlada“ hin. Und selbst der ehrgeizig überfrachteten vierten Sinfonie des Tschaikowsky-Schülers Sergej Tanejew verleiht er noch hinreißende Durchschlagskraft. Isabel Herzfeld



KLASSIK

Klangbändiger:

Das RSB spielt Bruckner

Ein solches Ereignis war nicht zu erwarten. Marek Janowski und sein Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin bieten Schuberts „Unvollendete“ pointiert, in klassisch fließendem Tempo. Doch der Gefühlston, der später in Anton Bruckners f-Moll-Messe gefangen nimmt, fehlt hier. Dieses Werk reißt das Publikum in der Philharmonie von den Sitzen. Allein seine Klangmassen zu bändigen, nötigt Bewunderung ab: wie ein Schlachtenlenker hält der Maestro seine Musiker, den Rundfunkchor Berlin und ein leuchtkräftig abgestimmtes Solistenquartett zusammen. Sie feiern ein Klangfest, das im fast diffus blendenden Glanz des „Credo“ kulminiert. Der Chor zeigt schon im ersten a capella gesungenen „Miserere“ seine lupenreine Intonation und Piano-Homogenität, trumpft in der Chorfuge des „Hosanna in excelsis“ kraftvoll auf. Dem eifern die Instrumentalisten nach und machen deutlich, dass die Vokalwerke Bruckners „nur“ Vorläufer der großen Sinfonien sind.

Vor allem aber fesseln die tragischen Töne, die harmonisch irrlichternden Schatten des Glaubenszweifels in diesem Werk, das Bruckner zu seiner Rettung vor nahendem „Irrsinn“ schrieb. Davon zeugen schwer seufzende Akzente, dramatische Kontraste etwa des jubelnden „Et resurrexit“ und des in chromatische Abgründe stürzenden „Judicare“. Dazwischen liegen Inseln des Trostes – etwa das „Et incarnatus est“, in dem sich der Tenor Joseph Kaisers und Rainer Wolters Solovioline verbinden. Mit der Urgewalt ihres Soprans setzt Inga Kalna immer wieder Glanzlichter auf, die Iris Vermillion und Hanno Müller-Brachmann klangvoll profilieren. Isabel Herzfeld

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