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Männerbilder. Amigo verbindet Breakdance mit Tradition. Foto: Hebbel am Ufer
Männerbilder. Amigo verbindet Breakdance mit Tradition. Foto: Hebbel am Ufer

TANZ

Melancholisch: „Hüzün“

mit Kadir Memis

„Hüzün“ nennt Orhan Pamuk das dominierende Istanbul-Gefühl. Keine einsame Tristesse ist damit gemeint, sondern eine kollektive Schwermut. Kadir Memis alias Amigo hat sich von Pamuk zu seinem Gruppenstück „Hüzün – ein schmerzlicher Verlust“ inspirieren lassen. Der Star der HipHop-Szene arbeitet sich an Themen ab, um die hartgesottene B-Boys einen Bogen machen. Dies ist keine testosteronbefeuerte Feier von Männlichkeit. Ausgehend von seiner eigenen Biografie reflektiert Memis über den schmerzhaften Prozess seiner Mannwerdung. Da formieren sich junge und ein älterer Darsteller zum Gruppenbild und sprechen über die Qualen der Beschneidung. Über den Stock des Hodschas in der Koranschule. Die patriarchalen Gesellschaftsstrukturen holen den Protagonisten wieder ein, als er mit zehn Jahren nach Berlin kommt. Das Leben zwischen zwei Kulturen, die Zwänge der Männerrolle – daraus entspringt hier eine tiefe Melancholie. Nicht alle Spielszenen überzeugen, doch was die Körper in den Tanzszenen erzählen, ist verblüffend. Memis, der mit Schiebermütze auftritt, veranschaulicht das Gefühl des Hin- und Hergerissenseins. In seinen Soli kreuzt er Breakdance-Elemente mit dem Zeybek, einem türkischen Männertanz. Wie er Stolz und Melancholie verbindet, ist fabelhaft. Der Baglama-Spieler Nevzat Akpinar und Vincent von Schlippenbach am Schlagzeug übersetzen das schwarze Hüzün-Gefühl in wunderbar traurige Klänge. Die Interviews zum Thema „Sind türkische Männer Machos?" sind dann erhellend und sehr komisch. Denn zuerst kommen die Frauen zu Wort. Sandra Luzina

KLASSIK

Malerisch: Der Pianist Nobu

im Otto-Braun-Saal

Man kann nur versuchen, sich diesen Lernprozess vorzustellen. Die Notenmengen in Liszts Oktavrasereien, die unendlich kleinteiligen Vortragsbezeichnungen der Moderne: All das muss sich Nobuyuki Tsujii einprägen, indem er es immer wieder hört. Der junge Pianist aus Tokyo ist von Geburt an blind und verzichtet dennoch auf Noten in Blindenschrift. Nobu, wie er sich nennt, lernt lieber nach Gehör. Das ist faszinierend – und dennoch: zu behaupten, es sei kein Nachteil gegenüber seinen sehenden Kollegen wäre unangebrachte Gleichmacherei. Der Japaner muss sich den Werken stets über die Interpretationen anderer nähern, er kann nicht unbefangen an Originaltexte gehen.

Im viel zu selten bespielten Otto-Braun-Saal der Staatsbibliothek am Potsdamer Platz, in dem die Konzertreihe „Neue Namen“ nun regelmäßig begabte Nachwuchssolisten vorstellt, wird das deutlich. Auch weil Nobu sich mit Chopin Schumann, Liszt und Mussorgsky ein populäres Programm mit vielen Vergleichsmöglichkeiten zusammengestellt hat. Der 22-Jährige präsentiert sich auf hohem Niveau: Schärft er in Schumanns Papillons Op. 2 charakterliche Gegensätze zwischen Kantabilität und Eruption, so fehlt es davor bei Chopins Nocturnes Op. 27 noch etwas an harmonischem Aussagewillen. Und obwohl er nachfolgend im virtuosen Kosmos von Liszts „Un sospiro Rigoletto Paraphrase“ eine für dieses Alter fast unheimliche Souveränität entwickelt, liegen Nobus Stärken doch eher dort, wo ihm die Musik Raum lässt, seinen von Interpretationen geprägten Zugang auszuleben. Das erlauben Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“. Besonders hier zeigt sich ein Nachwuchspianist, der wunderbar malerisch denken kann. Daniel Wixforth

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