KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

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KLASSIK

Jauchzen, die erste: Windsbacher Knabenchor singt Bach

Die Reihen des Windsbacher Knabenchors wirken etwas ungeordnet. Die Knaben tragen Fliege, die Jungs jenseits des Stimmbruchs Krawatte, einige haben Noten vor der Nase, andere nicht. Zudem wogt das Meer der Köpfe wild auf und ab – in diesem Alter sind die Wachstumsschübe eben unberechenbar. Doch der optische Eindruck trügt. Dieser Chor ist exquisit. Karl-Friedrich Beringer, seit 32 Jahren Chef der Windsbacher, kann von seinen Sängern verlangen, was er will: Auf Zehenspitzen durch die GemeindeChoräle des Bach’schen Weihnachtsoratoriums zu schleichen, zu jauchzen und zu frohlocken, wie es nur junge Stimmbänder vermögen – und das auch noch maximal textverständlich und mit souverän aufgefächerter Polyfonie. Für die Kantaten I - III sowie VI sind die Franken am Sonnabend in die Philharmonie gekommen, das Deutsche Symphonie-Orchester prunkt mit seinen Instrumentalsolisten, von Joachim Pliquetts Clarintrompete über Gergely Bodokys Flöte bis zur zweisamen Idylle der Oboen. Beringer wählt zwar durchaus lebendige Tempi, bleibt klanglich aber immer butterweich. Man kann diesen altmodischen Barock mögen, so wie man Christstollen mit Marzipan der Biovariante aus Vollkornmehl und Honig den Vorzug gibt. Die Solisten jedenfalls steigen gerne darauf ein, Sibylla Rubens mit sonnigem Sopran, Judith Simonis leicht phlegmatisch, Norbert Ernst als hoch manierierter Evangelist, Thomas Laske im musikdramatischen Brustton eines Opernbasses. Frohes Fest! Frederik Hanssen

KLASSIK

Frohlocken, die zweite: Berliner

Konzertchor singt Graun

Vielleicht liegt es am weitgehend unbekannten Programm, dass draußen auf dem Weihnachtsmarkt mehr los ist als drinnen. Jedenfalls bleiben einige Plätze leer beim Gastspiel des Berliner Konzertchors im Konzerthaus am trubelnden Gendarmenmarkt. Dabei stellt der Chor mit dem Weihnachtsoratorium von Carl Heinrich Graun ein barockes Werk in den Mittelpunkt, dass bei den meisten Zuhörern zumindest für gespannte Erwartungen sorgen dürfte. Es wurde erst 1999, über 250 Jahre nach seiner Entstehung, in Berlin uraufgeführt. Eine schöne Herausforderung, mit diesem weitgehend unbelasteten Material interpretatorisch zu experimentieren, mag Jan Olberg am Pult darin aber nicht sehen. So bleiben die Choräle brav, ja glanzlos, weil Olberg den Berliner Konzertchor und den Kinder- und Jugendchor selten charakterlich formen, meist nur formgerecht absingen lässt. Lediglich im Kanon „Euch ist heute der Heiland geboren“ entfaltet sich ansatzweise so etwas wie chorale Deutungshoheit. Dass auch das Berliner-Konzert-Orchester an dieser kurzen Leine geführt wird, macht mehr Sinn, schon weil der Graun’sche Orchestersatz für barocke Verhältnisse sehr sachlich gehalten ist. Und das Orchester selbst hat schon beim zuvor erklungenen Concerto Grosso von Arcangelo Corelli bewiesen, dass es Klangfarben und orchestrale Gefühlslagen durchaus auch subtil verpacken kann. Wahre Glanzpunkte aber verschaffen dieser Aufführung nur die Gesangssolistinnen Barbara Kind und Bhawani Moennsad. Ihr Duett „Herr, im Frieden will ich sterben“ stellt nicht nur ihre beiden männlichen Solo-Kollegen in den Schatten. Es ist technisch und gestalterisch hohe Kunst. Daniel Wixforth

MUSIKTHEATER

Weihnachten, die dritte: Conte-Oper

im English Theatre

Zu Weihnachten „La Bohème“ spielen – das kann jeder. Die Berlin International Opera greift im English Theatre lieber zu „The Gift of the Magi“, eine Kammeroper, die zwar nicht von Künstlern, dafür aber von armen Immigranten im New York des Jahres 1910 handelt (wieder vom 20.-21. Dezember und vom 3.-6. Januar). Geschrieben hat sie der Amerikaner David Conte, in Deutschland war sie noch nicht zu hören. Della und Jim wollen sich zu Weihnachten ausdrücklich nichts schenken und verkaufen dann doch heimlich das, was ihnen am teuersten ist, um ein Geschenk besorgen zu können. Conte hat dafür kantable, sängerfreundliche Arien mit reichlich Anklängen an Gershwin komponiert – nur mit reichlich Jahren Verspätung, schließlich stammt das Stück von 1997! Das Tempo ist langsam, viele Szenen sind voller Redundanzen. Kanako Nakagawa immerhin sorgt am Klavier für Dramatik. Auch Regisseurin Anke Rauthmann bricht die betuliche Stimmung auf, indem sie die Geschichte mit Videoeinspielungen immer wieder ins heutige Berlin holt. Auf der Leinwand erzählen die Darsteller, fast alle zugewandert, von ihren Erlebnissen auf Berliner Bürgerämtern. Laureen Lee als Della sticht mit exakt gemeißeltem, scharfem Sopran hervor, noch übertroffen von der dauerhysterischen Tanja Simic Queiroz als Freundin Meggie. Drei mysteriöse weise Männer, die Magi, haben gelungene Kurzauftritte als Tenor, Bariton und Bass. Ihren Stimmen hätte man gern länger gehört. Udo Badelt

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