KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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KLASSIK

Authentisch: Junge Solisten beim Deutschen Symphonie-Orchester

Ein Webfehler der verdienstvollen Reihe „Debüt im Deutschland-Radio“ besteht darin, dass nur wenige junge Dirigenten in der Lage sind, ein so stolzes Ensemble wie das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin von sich zu überzeugen und gleichzeitig den jungen Solisten an ihrer Seite als umsichtiger Partner bei ihren Debüts zur Seite zu stehen. So gelingt es dem Amerikaner Ward Stare zwar durchaus, das Orchester in Samuel Barbers 1. Symphonie zu einem authentischen Hollywood-Sound mit saftigem Forte zu animieren. Doch in Schumanns experimentellem Klavier- und Glasunows feinsinnigem Violinkonzert, die eine intensive Dreieckskommunikation zwischen Solist, Orchester und Dirigent erfordern, macht sich seine Unsicherheit bei Übergängen und fein ziselierten Rhythmen bemerkbar. Darunter leidet besonders die Pianistin Annika Treutler. Vielleicht könnte sie noch mehr die fantastische Seite von Schumanns Konzert betonen. Doch in ihrem klaren, nachdrücklichen, aber dynamisch bewusst verhaltenen Ton liegt eine starke Poesie, die vom Orchester gespiegelt werden müsste. Der Geiger Ray Chen, der den Preis des Concours Reine Elisabeth und einen Sony- Vertrag in der Tasche trägt, bringt dagegen auch im kammermusikalischen Mezzopiano genügend Präsenz mit, um am Dirigenten vorbei auf Publikum und Orchester zu wirken. Doch erst im eingängigen Finale, wo er auch die feinmetallisch glänzenden, intensiv gefühlten Flageoletttöne seiner bemerkenswerten höchsten Lage zur Schau stellen kann, wirkt er vollkommen befreit. Carsten Niemann

KUNST

Hellsichtig: Bernhard Heisig im Kunst-Raum des Bundestages

„Eine Künstlerbiografie – ziemlich deutsch und ziemlich echt“, bescheinigte Bundestagspräsident Norbert Lammert dem Maler Bernhard Heisig bei der Eröffnung seiner Ausstellung „Das große Welttheater“ im Kunst-Raum des Deutschen Bundestages (Schiffbauerdamm, gegenüber dem Reichstag, bis 13.3.2011). Der Zutritt, von Dienstag bis Sonntag jeweils um 11 und 16 Uhr, erfolgt nur nach Voranmeldung (kunst-raum@bundestag.de, bitte Name, Vorname und Geburtsdatum angeben). Der bürokratische Aufwand lohnt sich. Heisig, der in diesem Jahr 85 wurde, gehört zu den ganz Großen der deutsch-deutschen Kunst: Einer, der die Brüche des letzten Jahrhunderts erlitten hat und seine traumatischen Kriegserlebnisse in künstlerische Form zu gießen vermag. 1998/99 malte er für die Ausstattung des Reichstagsgebäudes „Zeit und Leben“, ein Geschichtstableau von Friedrich II. bis Hitler, voller Abgründe und Ausblicke. Nun sind erstmals alle Vorarbeiten und parallel zum Hauptwerk entstandene Bildversionen vereint. Dazu eine Auswahl aktueller Arbeiten des im Brandenburgischen lebenden Malers und das seit 1999 nicht mehr öffentlich gezeigte Großformat „Ikarus“ aus dem Palast der Republik. Eine großartig konzentrierte Auswahl, die sich rundet durch die Fotografien von Bernd Kunert. Er hat den Entstehungsprozess von „Zeit und Leben“ Woche für Woche im Atelier dokumentiert. Ganze Figurengruppen sind nur noch im Foto erhalten, wurden von Heisig während des Malens verworfen und wieder getilgt. Heisig schindet sich und die Leinwand. Daraus entsteht – große Hellsichtigkeit. Michael Zajonz

VERSALIEN

Ultrachic: Bach Vater und Sohn mit dem Freiburger Barockorchester

Man muss das Freiburger Barockorchester unter der Geigerin Petra Müllejans bewundern dafür, dass es unter der Überfülle an barockem Swing und Prachtentfaltung nicht längst toll geworden ist. Stattdessen ist auch an diesem Abend im philharmonischen Kammermusiksaal mit Stücken von Bach Vater und Bachsohn Friedemann ein Klang wie aus Platin zu erleben, historische Aufführungspraxis vom Feinsten, nicht super-, sondern ultrachic. Die groß anhebende Suite BWV 1068 zum Beispiel, mit ihrer Ouvertüre, die das Zuhören fast schwer macht, weil so vieles zu gleicher Zeit klingt und federt und aufgefächert wird. Oder das berühmte Air, das hier einmal nicht nach luftig süßer Engelsvokalise klingt: Die Freiburger Geigen spielen es bedeckt. Mit nordischer Kühle. Und die Celli und der Kontrabass streichen streng den Takt dazu. Heuer wird man außerdem mit den hohen Solofarben vorstellig – Karl Kaiser (Flöte) interpretiert das Konzert D-Dur des Bachsohnes, mit empfindsamem, vögleinleichtem Ton, der sich vom stets sprungbereiten Streicherklang fast zur Seite drängen lässt, und die fabelhafte Carolyn Sampson (anstelle von Julia Kleiter, die erkältungshalber absagen musste) singt superultravirtuose Sopran-Kantaten von Johann Sebastian Bach. Sampson blitzt schon in den vier Lern-Einheiten zum Thema „Zufriedenheit“ der Kantate „Ich bin in mir vergnügt“, nimmt im Choral von „Jauchzet Gott in allen Landen“ eine Auszeit von den Spitzentönen und setzt dem Abend dann mit dem von Koloraturen durchsetzten „Alleluja“ eine diamantenstrahlende Krone auf. Christiane Tewinkel

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