KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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Gastspiel aus Mailand. Virgilio Sienis Version der „Traurigen Tropen“. Foto: Festspiele
Gastspiel aus Mailand. Virgilio Sienis Version der „Traurigen Tropen“. Foto: Festspiele

KLASSIK

Ausgekühlt: Valery Gergiev

bei den Berliner Philharmonikern

„Zieht euch warm an!“ Wer sich über Schneeberge seinen Weg in die Philharmonie gebahnt hatte, tat gut daran, den Pelz anzubehalten. Das letzte Programm der Berliner Philharmoniker vor der Silvestersause widmet sich Russland, unter der Leitung von Valery Gergiev. Der schürt mit tremolierenden Händen kalte Glut, bis Leidenschaften gleißen, die nicht wärmen. Wie fahl die Philharmoniker bei Rodion Schtschedrins Symphonischem Diptychon klingen können. Gergiev leistet sich den Luxus, Farben aus dem Spiel rauszufiltern, nur hier und da flirrt ein Silberstreif am tief hängenden Horizont.

Der müsste sich wieder weiten bei Sergej Rachmaninows ausholendem 3. Klavierkonzert, doch der Dirigent dimmt den Orchesterpart ab und drängt den Solisten in eine schmerzhafte Omnipräsenz. Denis Matsuev nimmt sie ohne Zögern an. Mit Kraft spült er den retrospektiven Anteil aus dem Werk, inszeniert sich als schlagkräftiger Protagonist, der mit der Gegenwart noch nicht fertig ist. Ohne echtes Gegenüber jedoch wirkt Matsuevs Spiel zunehmend wie das Posieren eines Körperertüchtigers. Es bleibt kalt im Saal. Bei den finalen „Bildern einer Ausstellung“ betont Gergiev mehr die Schroffheit von Mussorgskys Vorlage als die Finesse von Ravels Instrumentierung, mehr die Wildheit des versoffenen Genies als den geistigen Adel. Mitten in dieser eisigen Nacht über Moskau denkt man daran, wie viele Sonnenstrahlen Simon Rattle hier wohl aufgespürt hätte. Und es wird warm. Ulrich Amling

TANZ

Ausgemalt: „Tristi Tropici“ zum Abschluss der Spielzeit Europa

Von der verlorenen Gelegenheit, weiblich zu bleiben, schreibt Claude Levi-Strauss in „Traurige Tropen“. Das Werk ist mehr als ein Reisebericht: Der Ethnologe beschreibt den Untergang der Kultur der Amazonas-Indianer, seine Schrift ist zugleich ein Abgesang auf die westliche Kultur. Virgilio Sieni hat sich nun von dem zivilisationskritischenText von 1955 zu einem Bühnenmysterium inspirieren lassen. „Tristi Tropici“ beschließt das Festival „Spielzeit Europa“, bei dem die Gegenwart auffallend häufig mit dem Archaischen und Vormodernen kurzgeschlossen wurde.

Es sind nur Frauen, junge und eine ältere, sowie eine Blinde, die hier die Trauer um das Verlorene zum Ausdruck bringen. Sieni hat seine Darstellerinnen nicht exotisiert, nur die rote Farbe auf dem Kinn lässt an Stammesrituale denken. Die Bühne versinkt in rötlicher Schwärze, die sich erhellt zu einem milchigen Weiß. Ein Erschauern vor der Schöpfung soll den Zuschauer ergreifen. Zunächst sind nur vage Schatten zu erkennen, unscharfe Schemen, aus denen sich langsam zwei Gestalten herausbilden. Bilder, die aus dem Unbewussten aufsteigen und verlöschen – Sienis Kunst, mit Licht zu malen, hat suggestive Kraft. Ein fließender Gestaltwandel. Die fast körperlosen Erscheinungen werden zu Wesen aus Fleisch und Blut. Zwei Tänzerinnen, einander zugeneigt, halten die Augen geschlossen, ihre Körper finden sich blind.

Sieni sucht im Leiblichen nach einem fernen Echo vergangener Schönheit, verlorenen Wissens. Ihm gelingen berückende Bilder, doch er hüllt den Tanz in die Nebel des Spekulativen. Und die weibliche Idylle, die er ausmalt, dieses Aufgehen im Spüren und Fühlen, mutet doch etwas befremdlich an. Sandra Luzina

KLASSIK

Ausgeleuchtet: Die Bach Akademie

mit dem Weihnachtsoratorium

Husten im Konzert hat nichts mit dem Wetter zu tun. Den Beweis dafür lieferte das Publikum bei der Aufführung der Kantaten 1, 3 und 6 des Weihnachtsoratoriums durch die Berliner Bach Akademie im Kammermusiksaal. Zwar machte sich nach dem ersten Choral „Wie soll ich dich empfangen“ ein leichter Drang zur Kehlenreinigung bemerkbar, aber den meisten weiteren Chören und Chorälen folgte lang anhaltende Stimme. Die Autorität, mit der Heribert Breuer jede Phrase des Werks kontrolliert und der vorbildlichen Deklamation des Chors, ja bisweilen selbst tänzerischen Rhythmen einen winzigen preußischen Touch verleiht, kann durchaus Störreflexe auslösen. Doch schnell zeigt sich, wie groß der Gewinn an rhetorischer und struktureller Klarheit für das bekannte Werk ist. Dass Breuers Autorität eine natürliche und keine diktatorische ist, spürt man an der Motiviertheit, mit der nicht allein der Laienchor, sondern auch die namhaften Musiker sowie die Solisten (vorbildlich in der Deklamation: Tenor Clemens Bieber und Altistin Britta Schwarz) ihre Parts gestalten.

Neben der Freude über den Ensemblegeist und der Erinnerung an intensiv ausgedeutete Worte nimmt man auch einen neuen Eindruck von Bachs „Italienischem Konzert“ mit nach Hause, das Breuer geschickt als Oboenkonzert arrangierte und Gregor Witt plastisch aus der Taufe gehoben hat. Carsten Niemann

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