KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

Annabelle Seubert
Abgehoben. Fotografie von Jumana Manna, entstanden 2009.Foto: Manna/IfA
Abgehoben. Fotografie von Jumana Manna, entstanden 2009.Foto: Manna/IfA

KUNST

Erkenne dich selbst: Ondrej Drescher

in der Konrad-Adenauer-Stiftung

Ondrej Drescher ist ein Mann wie ein Baum. Wenn er sich zeichnet, erinnert seine Haut an grobe Rinde. Dann sind seine Haare feine Äste. Und der schwere Rucksack hat Wurzeln auf seinem Rücken geschlagen. Durch die Anden und Alpen ist Neo Rauchs ehemaliger Meisterschüler gestapft, um sich in der Einsamkeit zu Hause zu fühlen und in einen Bruchteil der Natur zu verwandeln. Es ist ihm gelungen: Man muss schon eine Weile vor den Bildern in der Konrad- Adenauer-Stiftung stehen, um die Umrisse seiner Gestalt in der Dichte des Waldes zu entdecken (Tiergartenstr. 35, bis 28. Januar, Mo–Fr 9–17 Uhr).

Mit wenigen Bleistift- oder Pinselstrichen fügt sich Drescher in eine Umwelt aus Seen und Bergen ein. Mit kräftiger Farbe, aber so subtil, dass er in seinen Selbstbildnissen regelrecht zu verschwinden droht. Und die Aussicht auf den Himmel mehr Platz einnimmt als er. Nach den hektischen Jahren an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst suchte der Maler das Kontrastprogramm. Bei den Wanderungen im Himalaya fragte ihn niemand mehr nach Leistungen und Plänen. Da war er entgrenzt und fern, konzentriert auf sein Inneres. Da konnte er endlich tun, wofür ihn Kommilitonen zuvor schräg anblickten: Sezieren. Seine Identität auseinandernehmen, betrachten und wieder zusammenflicken. Todesnähe und Lebendigkeit spüren. Wenn Drescher nicht gerade seine Seele auf der Leinwand verarbeitet, studiert er übrigens Tiermedizin. Annabelle Seubert

KLASSIK

Putzig: Mozarts „Entführung“

für Kinder im Radialsystem

Gar nicht so leicht zu verstehen, warum Konstanze in Mozarts „Entführung“ nicht bei ihrem neuen Freund bleiben will. „Bleib“, rufen die einen Kinder, „fahr!“, die anderen. Dabei war Konstanze durch die Nachlässigkeit ihres Belmonte fast ertrunken, so zumindest in der Fassung der Lübecker Taschenoper (noch am 26. 12., 16 und 18 Uhr). Bassa Osmin hingegen hatte – als Personalunion von Mozarts Bassa Selim und dessen Diener Osmin – doch nun alles erdenklich Gute für sie bereitgestellt: ein luxuriöses Kleid und ein begeistertes Volk. Bei „Singt dem großen Bassa Lieder“ stimmen im Radialsystem tatsächlich alle ein, die Eltern und die Kinder ab sechs Jahren, für die diese Bearbeitung gedacht ist, heimlich wohl auch das Stoffkamel auf der minimalistisch ausgestatteten Bühne (Ausstattung: Katia Diegmann).

Von einem Streichquartett werden die Solisten begleitet, Margrit Dürr als Konstanze, vor deren Koloraturen alles einknickt, Julian Metzger mit überhellem Tenor als Belmonte und Frank Schwemmer als Bassa Osmin, der die Dinge auf die sportliche, etwas tölpelhafte Schulter nimmt. Regisseur Sascha Mink reduziert die Handlung auf ein Liebesdreieck, das sich im freundlichen Spannungsfeld von Orient (Seidenstoffe, Oase und Kakteen) und Okzident (Sakko, Koffer und irritiertes Kopfschütteln) abspielt. Der Bassa Osmin zieht von der einen Seite an Konstanze, Belmonte von der anderen, und die Kinder helfen mit, als Schlagzeuger, Kaktus oder Paradiesvögelchen – eine „Entführung“ light, geschüttelt und umgeschrieben, eher schmal als prachtvoll. Christiane Tewinkel

KUNST

Ein Lied kann eine Brücke sein:

„Another Country“ in der IfA-Galerie

Die Vermessung der Welt beginnt in der Linienstraße. In den Schaufenstern der IfA-Galerie hängen Lineale, sie fangen mal mit einer 0 an, mal mit einer Jahreszahl. Die Ziffern markieren persönliche Erinnerungen und historische Ereignisse, orientiert am Leben von Cevdet Erek, 1974 in Istanbul geboren. Was für einen Betrachterwinkel hat der türkische Künstler auf die Welt? Die Arbeit verwischt kulturelle Positionen, wenn man sich bewusst macht, dass sich Erek eines ursprünglich indischen Zahlensystems bedient, das die Europäer im 12. Jahrhundert von arabischen Wissenschaftlern übernommen haben.

Darum geht es in der Ausstellung „Another Country – Eine andere Welt“ im Projektraum des Instituts für Auslandbeziehungen (Linienstraße 139/140, bis 23. Januar, Di–So 14–19 Uhr): um kulturelle Brückenschläge. Manche Künstler forcieren sie, wie etwa Jumana Manna, die in New Jersey und Jerusalem lebt, und in einem Video Muslime das „Wallfahrtslied“ aus dem Alten Testament singen lässt. Witzig und geistreich ist der Film von Dubravka Sekulic über die Geschichte des Eurovision Contest, der inzwischen Länder wie Aserbaidschan mit Deutschland verbindet – und kein Schnulzenwettbewerb, sondern Europapolitik ist. Köken Ergun dokumentiert türkische Hochzeiten im Bezirk Wedding (wie passend). Wer die Bräuche nicht kennt, kann ihre Bedeutung zumindest erahnen.

Ganz anders ist das bei der schematischen Darstellung von weltweiten Migranten- und Warenströmen der Amerikanerin Ashley Hunt. Warum müssen solche Globalisationsthemen so oft in unübersichtliche kartografische Darstellungen münden? Aber vielleicht ist ja das genau die Erkenntnis: Wer, wie, wo, was? In heutigen Zeiten nicht mehr zu durchschauen. Anna Pataczek

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