KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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Martin Helmchen. Foto: Marco Borggreve
Martin Helmchen. Foto: Marco Borggreve

KLASSIK

Streicherfantasien: Katrin Scholz und das Kammerorchester Berlin

Während der Gendarmenmarkt im Schnee versinkt, kann man sich im Konzerthaus ins Italien des 18. Jahrhunderts träumen. Unter seiner Leiterin und Primadonna Katrin Scholz an der ersten Violine spielt das Kammerorchester Berlin Werke barocker Komponisten aus dem Süden für Streicher. Solistische Gäste bereichern das Programm, indem sie andere Klangfarben mitbringen. Ein früher Höhepunkt ist Clara Dents lyrisch-empfindsame Interpretation des Oboenkonzerts C-Dur von Domenico Cimarosa. Der Bruch kommt mit dem Dänen Lars Ranch. Im Trompetenkonzert D-Dur von Giuseppe Torelli beeindruckt er zwar mit traumwandlerisch sicherer Intonation, schießt bei der Dynamik aber völlig übers Ziel hinaus und bringt die sensible Klangbalance zum Einsturz.

Subtilere Dynamikwechsel sowie messerscharf abgezirkelte Einsätze gelingen dem Orchester im berühmtesten von Arcangelo Corellis Concerti Grossi, dem achten, das mit der intim genommenen Weihnachtspastorale schließt. Markant hebt sich Katrin Scholz’ silbriger Geigenklang vom Ensemble ab. Zum Abschluss geht’s zurück nach Deutschland. Telemanns Tafelmusiken sind ein Werkzeugkasten barocker Musikformen. Ohne Inspiration können sie schnell lähmend lehrmeisterhaft werden. Doch wenn man die Ouvertüren-Suite D-Dur aus der zweiten Tafelmusik so lebendig, engagiert und fantasievoll spielt wie das Kammerorchester, wird schlagartig deutlich, welch phantastische Musik das ist. Ein furioses Finale, bei dem Telemann mit einem verschmitzten Lächeln auf den Rängen zu sitzen scheint. Udo Badelt

KUNST

Dokuinstallationen: Collagen von Caner Aslan in der DAAD-Galerie

Es hat etwas von einer Touristenführung, wie diese Frau das Atommülllager Asse II erklärt. Hier legt sie eine Hand auf die Felswand. Da läuft sie an Bauarbeitern vorbei. Dort deutet sie auf ein „sehr starkes Stück Metall“. Man hat sich gerade an ihre immergleiche Stimme gewöhnt, da blitzt plötzlich kein neues Bild mehr auf, die Mattscheibe bleibt schwarz. Aber wer Caner Aslans Kurzfilm in der DAAD- Galerie so aufmerksam verfolgt, wie er ihn gedreht hat, der begnügt sich damit („Soft ground illumination“, Zimmerstr. 90/91, bis 29.1., Mo-Sa 11-18 Uhr). Dem türkischen Künstler gelingt es in gerade mal zwölf Minuten, die Kontroverse um das ehemalige Salzbergwerk und die Absurdität einer unterirdisch geschaffenen Welt auf den Fernseher zu bannen. Und dem Ganzen dabei noch eine poetische Note zu verpassen. Unablässig fädelt der diesjährige DAAD-Stipendiat Ansichten aus Istanbuls archäologischem Museum in sein Video: Reliefs, die auf Marmorboden liegen. Studenten, die Skulpturen nachzeichnen.

Wenn Aslan mit der Kamera über Schutt und Stein wandert, vorbei an Lehm und Rissen und Unebenheiten, gleicht seine Installation einer Dokumentation. Wenn er erleuchtete Ausstellungsräume gegenschneidet und die Fremdenführerin weiter aus dem Off quasseln lässt, verrät er uns seine Meinung. Annabelle Seubert

CD-TIPP

Hochdramatik: Martin Helmchen spielt Mendelssohn

Martin Helmchen ist ein Kammermusiker par excellence. In seiner mit Julia Fischer entstandenen Gesamtaufnahme von Schuberts Werken für Violine und Klavier erlebt man einen spannenden Dialog auf Augenhöhe, voller Farben und Stimmungen. Die gleiche Einfühlsamkeit spürt man bei Helmchens Einspielung der beiden Klavierkonzerte von Felix Mendelssohn Bartholdy – auch wenn die musikalischen Partner, das Royal Flemish Philharmonic unter Philippe Herreweghe, dem Berliner Pianisten nicht das Wasser reichen können (PentaTone classics). Im Kopfsatz des ersten Konzertes in g-Moll op. 25 schlägt Helmchen zu Beginn einen hochdramatischen, existenziellen Ton an, den er im Seitensatz in eine ganz andere Welt führt. Wie in den langsamen Sätzen zaubert er hier einen delikaten Legatoklang. Leider holt das Orchester den Pianisten immer wieder in die graue Realität zurück. Mal sind die Tutti-Akkordschläge nicht zusammen, mal verrutscht die Intonation in den Holzbläsern. In den hoch virtuosen Finalsätzen und im Rondo brillant op. 29 verbindet Helmchen Eleganz mit Musikalität. Der stumpfe Ensembleklang und die fehlende Präzision in der Begleitung trüben leider auch hier das Glück. Georg Rudiger

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