KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Wellenschlag: RIAS-Kammerchor

in der Philharmonie

Pech für den RIAS-Kammerchor: Ausgerechnet dem wichtigsten Solisten schlägt ein Spontaninfekt derart auf die Stimmbänder, dass er das Neujahrskonzert in der Philharmonie nur mit Ach und Krach zu Ende bringen kann. Mendelssohns „Paulus“ findet also ohne Paulus statt und dem Abend fehlt das, was ihn eigentlich tragen müsste. Denn die Biografie des Apostels ist nun einmal das Thema dieses Oratoriums – Paulus bleibt die einzige Figur aus Fleisch und Blut, die überhaupt auftritt. Reicht für die berichtenden Rezitative von Sopran (Christina Landshamer) und Tenor (Maximilian Schmitt) ein salbungsvoller Strahleton, muss der Titelheld eine radikale Wandlung vom Christenhasser zum Heiligen absolvieren.

Müßig zu spekulieren, ob ein gesunder Yorck Felix Speer seinen Paulus mehr als große Opernfigur à la Rossinis Moses angelegt oder stärker die empfindsame Seite des Bekehrten betont hätte. Der Rahmen, den Hans-Christoph Rademann setzt, lässt beide Optionen offen: Einerseits verleiht der Chef des RIAS-Kammerchors den erregten Begleitfloskeln und dramatischen Bläsereinsätzen einen opernhaften Wellenschlag, dann aber nimmt er die Choräle extrem langsam und grenzt sie mit makellos gerundetem Chorklang als kontemplative Ruhepunkte gegen die erregte Ereigniskolportage ab. Dass die Musik des 26-jährigen Mendelssohn an diesem Abend wie eine genialische Quersumme vieler Einflüsse von Bach bis Weber klingt, liegt aber auch an der Berliner Akademie für Alte Musik, die sich mit dem „Paulus“ quasi durch die Hintertür ins 19. Jahrhundert stiehlt und in diesem Stück einen schier unerschöpflichen Reichtum an expressiven Orchesterfarben entdeckt. Welch ein Gewinn wäre es für die Stadt, wenn dieses großartige Orchester endlich das Geld bekäme, um sich Besetzungsstärken für Beethoven, Mendelssohn und Schumann leisten zu können! Hoffen wir’s: Was man sich an Neujahr wünscht, soll ja manchmal in Erfüllung gehen. Jörg Königsdorf

MALEREI

Wintersonne: Christiane Conrad

im MIes-van-der-Rohe-Haus

Sie sind im heißen Juli entstanden, die monochromen Farbfelder von Christiane Conrad, die das Mies-van-der-Rohe-Haus in Lichtenberg als letztes Kapitel seiner Serie „Refugium der Schönheit“ ausstellt (Oberseestr. 60, bis 16.1., Di–So 11–17 Uhr). Die Künstlerin hat sich von den Farbtönen des Geländes leiten lassen, dem blauen Wasser, dem strohigen Gras, den Blüten. Die Überraschung besteht darin, dass die Bilder harmonisch mit der verschneiten Landschaft korrespondieren. Der bläuliche Schimmer des Schnees, das Violett der Wintersonne, das Türkis der kalten Luft – es ist, als sei der Winter nur das Spiegelbild des Sommers. Christiane Conrad trägt ihre Farben mit dem Spachtel auf und arbeitet stets von unten nach oben, um den Rhythmus ihrer Bewegung aufs Bild zu übertragen. Der Klang der Farbe ist ihr wichtig. Erst wenn die Leinwand eine solche Präsenz erreicht hat, dass die Künstlerin in ihrem vertrauten Atelier unbekannte Geräusche wahrnimmt, erst dann ist die Arbeit abgeschlossen. Sie schätzt das helle Siena des Sandes, weil es verhindert, dass die Bilder zu laut auftreten. Für das Schlussbild der Ausstellung hat Christiane Conrad alle Töne gemischt, die sie zuvor verwendet hat. Zwischen Altrosa und Violett trifft die Farbe exakt den Ton, den das Mauerwerk des Hauses in der dunkelroten Wintersonne annimmt. Simone Reber

FOTOGRAFIE

Waldwelt: Florian Richter

in der Abgusssammlung

Gewaltig ragt das Matterhorn vor dem Hintergrund eines bleichen Himmels heraus, hervortretend allein durch seine majestätische Erscheinung, denn von knalligen Farben und touristischen Motiven sind Florian Richters Fotografien weit entfernt. Seine Schwarzwald- und Alpenbilder inmitten der Abguss-Sammlung des Instituts für Klassische Archäologie (bis 6.2., Schlossstr. 69 b, Do–So 14–17 Uhr) zeigen Landschaften, in denen er aufgewachsen ist, zumeist von Nebel oder Schneestaub umhüllt. Aufgezwungen werden dem Betrachter seine Empfindungen nicht. Selbst das imposante Schreckhorn hat es allerdings schwer, sich gegen die benachbarte, fast drei Meter hohe Herakles-Statue durchzusetzen.

Es ist diese gewagte Kombination aus griechischem und römischem Heldenepos und den Fotografien, die diese Ausstellung mit dem Titel „Piz Gloria“ besonders macht. Richters melancholische Stimmungsbilder treffen auf gleißend weiße Mauerfragmente und berühmte Köpfe wie das Bronzenhaupt von Nero. Vor allem die vielen Schwarzwaldbilder wirken wie eingeschmuggelt, als sollten die ehemaligen Weltenherrscher nochmals an ihre Niederlagen gegen die Germanen erinnert werden. Einige vernebelte Landstriche haben etwas von einem Horrorfilm oder könnten die Bebilderung für ein Schwarzwald-Sagen-Buch sein. Trolle und Hexen sind als Bewohner dieser fremd erscheinenden Welt jedenfalls besser vorstellbar als Menschen, die gänzlich fehlen. Nik Afanasjew

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