KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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KLASSIK

Tragödin in Schwarz: Melanie Diener und Leopold Hager im Konzerthaus

Alles, was war, und alles, was kommt: Zwei Kompositionen von Richard Strauss werden zusammengeführt, die quasi sein Lebenswerk umfassen und in tönender Verwandtschaft seine Akkordfarben zelebrieren. Es sind die „Vier letzten Lieder“ und die Tondichtung „Tod und Verklärung“ (1888/89). Leopold Hager dirigiert die Partituren hintereinander und bittet das Publikum, sie nicht durch Beifall zu unterbrechen. Weltabschied des „wandermüden“ Musikers und die Apotheose des Helden in Opus 24: Die Werke machen den wilden Strauss der „Elektra“ vergessen; am Anfang schimmert schon der „Rosenkavalier“ durch, am Ende noch die „Ariadne“. Das Eichendorff-Lied „Im Abendrot“ erinnert an „Tod und Verklärung“. Hager aus der traditionellen Schule Österreichs sucht in beiden Kompositionen den ganzen Strauss. Seine Lesart heißt seriöse Identifikation, der das Konzerthausorchester animiert folgt. Solistin ist die erfolggekrönte Melanie Diener. Im Primadonnenkleid, das sie eigens für die Lieder trägt, wirkt sie so unraffiniert wie ihr klarer souveräner Gesang. Als Tragödin in Schwarz indes findet sie rührend und virtuos den Ton für Mozarts Szene „Bella mia fiamma“. Mozart ist der erste Teil des Abends gewidmet. Großes bewegtes Andante mit den Moll-Einbrüchen im EsDur-Werk der letzten Sinfonien. So huldigt der Maestro dem Meister aus seiner Geburtsstadt Salzburg. Sybill Mahlke

ROCK

Königin des Knurrens:

Lydia Lunch in der Volksbühne

Als Verkörperung einer Sleaze-Glam- Nymphe in Strapsen und knackigem Mieder brachte Lydia Lunch bereits 1976 das große Stöhnen unter die Boys. Damals tauchte die Sängerin, Dichterin und Schauspielerin in der Downtown-Szene von New York auf, als Mischung aus großer Künstlerin und Trivial-Nervensäge, die in No-Wave-Bands sang und später Verbindung zur Krachmacherszene von Berlin mit Die Haut und den Einstürzenden Neubauten hatte. Bei ihrem Auftritt in der Volksbühne präsentiert sich die 50-jährige Königin der Subkultur als Entertainerin, die noch immer gerne im Mittelpunkt steht. Mit wedelndem Fächer schreitet sie die Bühne entlang, schüttelt das dunkle Haar und überfällt das Publikum mit einer Direktheit, die auch den Abgebrühten in der ersten Reihe die Schamesröte ins Gesicht treibt. „Fuck Me Now, I’ll Break Your Heart Again“, deklamiert sie, während der französische Soundeffektler Philippe Petit im zappeligen Musique-ConcrèteStil mit Laptop und Plattenspielern eine Dröhn-, Quietsch-&-Ratsch-Kulisse für ihre schonungslose Performance baut.

„Twist of Fate“ nennt sich der albtraumhafte Zyklus, eine Mischung aus Verschwörungstheorien und Selbstentblößung, frei nach Burroughs und George Bataille. Es geht um Sex, Gewalt, Paranoia. Meist weiß man aber gar nicht, was los ist, wenn Lunch mit scharfkantiger Stimme knurrt, als würde sie in einen schmutzigen Teppich beißen, und im Hintergrund von ihr zusammengestellte Visuals flimmern – schmuddelige Selbstporträts, postapokalyptischer Endzeit-Trash. Das Ganze klingt schaurig, nach 50 Minuten stiefelt sie von der Bühne. Volker Lüke

KLASSIK

Tänzelnde Harmonie: Deutsch- Skandinavische Jugend-Philharmonie

Nordische Komponisten? Grieg, Sibelius, dann hört es bei vielen auch schon auf. Dass Skandinavien mehr hervorgebracht hat, zeigt jedes Jahr die Deutsch-Skandinavische Jugend-Philharmonie, in der Musikstudenten von beiden Seiten der Ostsee eine Woche lang gemeinsam proben. Zum Abschlusskonzert des diesjährigen Kurses lässt Leiter Andreas Peer Kähler die erste Symphonie des Grieg-Zeitgenossen Johan Svendsen spielen: ein überraschend vielgestaltiges Stück, durchpulst von romantischer Sehnsucht, tänzelnd im dritten Satz, voll überschäumender Freude im Finale. Schade, dass Svendsen später nicht weiterkomponiert und sein Leben dem Dirigieren gewidmet hat. Dafür, dass sich die Musiker erst seit einer Woche kennen, spielen sie mit großer orchestraler Geschlossenheit, dennoch sind die Schwächen nicht zu überhören. Mangelnder Schwung, wenn das Tempo anzieht, wenig Feuer in den Streichern, zögerliches Herantasten an musikalische Motive. Nach der Pause geht’s in den Süden. Leider scheint Kähler zu denken, dass es nicht ausreicht, in der Philharmonie einfach nur Musik zu spielen. Deshalb motzt er die Geschichte von Romeo und Julia mit zwei Tänzern (Wilfried van Poppel und Amaya Lubeigt) und dem Moderator Daniel Morgenroth auf. Gut gemeint, aber Theater im Konzertsaal bekommt schnell etwas Gewolltes. In Prokofjews „Romeo und Julia“-Ballett beeindruckt das Orchester zwar mit düster-schillernden Klangfarben, aber wenn Morgenroth vor jeder Nummer noch einmal erzählt, was in Shakespeares Drama passiert, zieht das den Abend bloß in die Länge. Udo Badelt

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