KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

Daniel Wixforth

KLASSIK

Herzschmerz für alle: 

Andrea Bocelli in der Philharmonie

Als in der Pause die Ansage kommt, das Fotografieren in der Philharmonie sei verboten, spaltet sich der ausverkaufte Saal. Diejenigen, die von den vielen Blitzen bisher genervt waren, beklatschen die Ermahnung. Die zahlreichen Angeklagten lächeln verlegen, werden aber weiterknipsen. Die Frage hinter dieser Kontroverse lautet: Ist ein Andrea-Bocelli-Konzert ein Pop-Event, eine mit Musik untermauerte Begegnung mit dem Superstar, den man natürlich fotografieren darf? Oder ein klassisches Konzert, in dem der Künstler vor allem Werkvermittler ist und sein Ruhm sich daran misst, ob er die Musik und ihre Aussagen in die Herzen und die Köpfe der Zuhörer transportieren kann? Dafür brauchte es keine Fotos.

Wer die Frechheit besitzt, Hochglanz-Programmhefte für 20 Euro zu verkaufen und so die Mehrheit im Saal in Unwissenheit darüber lässt, was sie zu hören bekommt, der bekennt sich zum Fotoevent. Bocellis Programm dagegen spricht für die Klassik. Von Händel über Beethoven bis zu Gabriel Fauré hat der Italiener wenig Schlager im Gepäck, dafür allerlei Ernsthaftes.

In ihrer luftigen Bauart kommen dem Tenor vor allem die Händel-Arien entgegen. Bocelli phrasiert unangestrengt, schwebt besonders in den Mittellagen über den Dingen. Durch höhere Koloraturen wie in „Frondi tenere e belle“ aus der Oper „Serse“ mogelt er sich hindurch –aber der große Herzschmerz liegt ihm unbestritten. So wird Beethovens „Ich liebe Dich“, mit weichem Vibrato und feierlich-warmem Timbre, zur wahrhaftigen Gefühlsschleuder. Das kommt an, auch weil sich Vincenzo Scalera am Flügel als Meister der Klarheit präsentiert, der sich nie in Bocellis Deutungen einmischt, sie aber immer auf Händen trägt.

Eine Enttäuschung ist der zweite, französische Konzertteil. Die Fauré- und Gounod-Lieder verkommen bei Bocelli zum Einheitsbrei. Klage, Sehnsucht und Verzweiflung legt er auf ein 45-minütiges emotionales Fließband, auf dem jegliche Werkindividualität aussortiert wird. Immerhin: Trotz frenetischen Applauses widersteht Bocelli der größten Versuchung. „Time to say Goodbye“ bleibt in der Mottenkiste. Daniel Wixforth

KLASSIK

Schubert mit Drehleier:

Eine „Winterreise“ im Radialsystem

„Wunderlicher Alter! Soll ich mit dir geh’n? Willst zu meinen Liedern deine Leier dreh’n?“ Mit diesen Worten endet Franz Schuberts „Winterreise“, die nackten Füßen auf dem Eis – und die Interpretation von Natasa Mirkovic-De Ro und Matthias Loibner beginnt. Im Radialsystem wählen die Sänger-Schauspielerin und der Drehleiervirtuose einen Weg durch diesen „Zyklus schauerlicher Lieder“, wie der Komponist sie nannte, der Wahrhaftigkeit jenseits von Kunstlieddiktion und Flügelklang sucht. Die Drehleier erweist sich dabei als getreuer Kompass. Ihr fahler Saitenklang, das Klappern ihrer Tasten und ihre jähen Ausbruchsversuche, wenn die Kurbel überdreht wird – all das zeichnet ein Stimmungsbild in zartesten Grautönen bei großer Bodenhaftung.

Das ambulante Musizieren mit der Drehleier im Arm führt hinaus aus der Sicherheit des Klavierklangs, aus der schützenden Sängerbucht am glänzenden Steinway, dorthin, wo die Musik schon immer den Fahrenden gehörte. Und Geschichten nie zu ihrem Ende gelangen, solange sie weiter erzählt werden. Natasa Mirkovic-De Ro gestaltet ihren Gesang vom Wort her, ohne es überzustrapazieren wie die Oberlehrer des Kunstlieds. Bei ihr strömen nicht nur die Tränen, ihr warmes Organ findet mit großer Natürlichkeit einen Pfad durch Hitzigkeiten und Erfrierungen. Das ist berührend, ganz ohne artifizielles Pathos beizumischen. Ist die „Winterreise“ nur glaubhaft, wenn wir ihren unglücklichen Helden sicher am Ende aller Wege wissen? In Mirkovic-De Ros Stimme schwingt ein Hauch von Frühling mit – und die Drehleier steht niemals still. Ulrich Amling

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