KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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KLASSIK

Endzeitschleifen: Die Philharmoniker

mit David Zinman und Yo-Yo Ma

Yo-Yo Ma ist eine Kämpfernatur. Seine Kunst, dem Cello jeden Ton mit höchster Anspannung abzutrotzen, sein Ringen um Ausdrucksintensität, seine Unerbittlichkeit noch in den zärtlichen und kecken Momenten von Schostakowitschs 2. Cello- Konzert passt gut zur latenten Verzweiflung, mit der der Komponist sein Spätwerk aus dem Jahr 1966 grundiert. Yo-Yo Mas Manier, dessen Teufelskreisen mit hochromantischem Furor anzugehen, affiziert auch die Philharmoniker. Bloß David Zinmann am Pult ficht das nicht an, er bleibt cool.

Zum Auftakt des Abends hatte der 74-jährige Amerikaner die Uraufführung von Anders Hillborgs wuchtigem Orchesterstück „Cold Heat“ dirigiert. Architekturen und Assonanzen: Wendet der schwedische Komponist die Naturpracht von Debussys „La Mer“ anfangs noch ins Urbane, folgen bald pulsierende Lavaströme, hoch geschichtete Klangflächen, fossile, steinerne, alpine Gebilde. Minimal Music, „Psycho“-Streicherhiebe, Action-Soundtrack: Das ohrenbetäubende Schlagwerk zermalmt sämtliches Stückwerk, bis den Trümmern eine Cello-Kantilene entweicht – schönes Vorspiel zum Solo-Beginn des Cello-Konzerts. Die Collagetechnik in Carl Nielsens 5. Sinfonie nach der Pause fügt sich wiederum vorzüglich zur Vergeblichkeit bei Schostakowitsch. Vorüber, ach vorüber: Die Verbrauchtheit der Spätromantik, die den Glauben an sich verliert, der Abschiedsschmerz in eigener Sache – Klarinettist Andreas Ottensamer verwandelt sie in bezwingende Momente der Wehmut. Ein paar Takte nur, die einen erschüttern. Man wird bald mehr hören von ihm, Ottensamers Probezeit beginnt im Februar. Christiane Peitz

FILM

Bis dass der Tod:

Das Beziehungsdrama „Satte Farben“
Die Idylle, in der Anita und Fred leben, scheint keine Risse zu kennen. Geschmack und dezenter r Luxus charakterisieren das Haus des Ruheständlerpaars, freundliche Zuneigung und liebevolle Toleranz das Klima. Sie haben viel miteinander erlebt, man versteht sich. Sieht so die große Liebe aus? Wahrscheinlich. Sofern eine große auch eine lange Liebe ist.

Dffb-Absolventin Sophie Heldman stellt in ihrem Abschlussfilm „Satte Farben“ eine oft verdrängte Frage: Was, wenn der Tod näherrückt und die Liebe nicht aufhört? Mag sein, dass bei diesem mutigen Unternehmen manche Dialoge zu hölzern geraten – insgesamt gelingt es Heidman, den Weg des Paares ins Dunkel zu zeichnen. Zum Schluss stehen sie in einem Fahrstuhl, eine Metapher für den schwindenen Spielraum des Paars: Gefangene ihres Entschlusses, unzertrennlich zu bleiben (im Broadway, Cinemaxx, Eva-Lichtspiele, Kulturbrauerei, Toni).

Großes Glück hatte die Regie-Debütantin mit ihren Hauptdarstellern Senta Berger und Bruno Ganz. Beide werden dieses Jahr 70, beide haben Eleganz und Stil. Zuletzt – oder zuerst? – hat man in Andreas Dresens „Wolke 9“ erfahren, wie t alte Körper auf der Leinwand aussehen – beim Schwimmen, beim Wandern, beim Sex. Auch das zeigt Sophie Heldman in ihrem erwachsenen Film über die Liebe im Alter, der das Leben feiert, indem er vom nahenden Tod erzählt.Daniela Sannwald

ROCK

Selbstmörderballaden:

I Like Trains im Comet

Es ist eine düstere Welt, in die einen die Songtexte von I Like Trains entführen. Auf dem ersten Album ging es um Feuersbrünste, Schiffsuntergänge, Epidemien, Attentate und Hexenverbrennungen. Die 2010 erschienene zweite Platte widmete sich privaten Katastrophen. Kämen I Like Trains aus Norwegen, würden sie wohl knochenzermalmenden Todesmetal spielen und Holzkirchen anzünden. Doch das Quintett stammt aus Leeds und ist mit nordbritischer Postpunk-Depressivität aufgewachsen.

So klingen sie im gut besuchten Comet Club wie eine Band, die die Lehren von Joy Division verbreitet: Mit der Wucht von Planierraupen wälzen sich die Songs in schleppenden Tempi voran, angetrieben von gleichmäßigen Bassläufen und stoischem Getrommel, worüber das stetige Anschwellen der verzerrten Gitarren eine beeindruckende Wall of Sound errichtet. Dazu rezitiert David Martin mit grabestiefer Stimme, die nicht von ungefähr an Andrew Eldritch erinnert, den Zeremonienmeister der Gothic-Rocker Sisters Of Mercy. Als I Like Trains in dem zehnminütigen „Spencer Perceval“ die Ermordung des gleichnamigen Premierministers aus der Sicht des Betroffenen zur kehlenzuschnürenden Elegie formen, kann man alle Hoffnung fahren lassen. Die Welt ist eben schlecht. Und doch wirkt diese Selbstmördermusik erstaunlich: Wie viele der Anwesenden ist man in selbstvergessene Tanzbewegungen geraten und schüttelt die Zumutungen des Winters aus dem Leib. Dann also doch weitermachen. Jörg Wunder

KLASSIK

Nachtmusiken: Maria Schrader

und das Freiburger Barockorchester

Selten traut sich jemand, das Genre „Musik plus Lesung“ auf scharfsinnige Höhen zu treiben, selten wird hier mehr geboten als Komponistenbriefe mit Ornat, und das im Akkord. Nirgends aber steht geschrieben, dass Kürze not sei und ein gemischter Abend umso schöner, je hektischer sich die Programmpunkte aneinander reiben. Das Freiburger Barockorchester im Kammermusiksaal zumindest mutet weder sich noch Sprecherin Maria Schrader den Rückzug ins Kleinklein zu. Dramaturg Henning Bey hat einen Abend über die „Nächtlichkeit“ (Nacht, Geist, Liebe, Mord und schwere Träume) vorbereitet, der sich in ganzen Sinfonien und längeren Textpassagen auf die Zeit um 1800 konzentriert: die Shakespeare-Begeisterung, die Schauergeschichten, Nachklänge von Empfindsamkeit, Ahnungen frühromantischer Para-Religiosität.

Schrader liest, zart hauchend, mit stockendem Duktus, aus Novalis’ „Hymnen an die Nacht“, erzählt von den Vergewaltigungsfantasien in Matthew Gregory Lewis’ Schauerroman „The Monk“ (1796), rezitiert Klopstock: „Willkommen, o silberner Mond, schöner, stiller Gefährt der Nacht!“ Das Orchester spielt dazu, dazwischen oder zugleich, wie bei Salomons Violinromanze, die sich silbern-süß über Goethes „An den Mond“ erhebt, dann wieder allein und mit angenehmer Aggressivität in Glucks „Air de Furies“. Am Ende steht der neue Tag, Haydns Sinfonie „Le Matin“, deren Adagio sich morgenhaft ins Forte und in die Weiten des Orchesters öffnet. Christiane Tewinkel

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