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KLASSIK

Lust am Zählen: Eliahu Inbal dirigiert das Konzerthausorchester

Wenn die Feiertage außer Sichtweite sind und man bemerkt, wie sich 351 Tage vor Jahresschluss bereits ein Alltagsgefühl im Inneren breitmacht, dann lohnt es sich, im Konzerthaus anzuhören, wie Eliahu Inbal und das Konzerthausorchester Bruckners 5. Sinfonie interpretieren (wieder heute, 16.1., 16 Uhr). Es ist ein Werk, das wie wenige andere zum Alltag in unserer Orchesterkultur gehört. Zugleich ist es ein merkwürdiger, unzeitgemäßer Klops: eine geniale kontrapunktische Fleißarbeit, die eine Erfahrung des Besonderen beschwört. Das Konzerthausorchester und sein Ehrendirigent lassen sich weder von Routine lähmen noch von Geltungsdrang verführen, sondern bieten eine angenehm balancierte, transparente, materialorientierte Lesart. Außermusikalische Bezüge scheinen nur als Zitate auf: In den kühl beobachteten Hurrarufen am Ende des ersten Satzes, den krachledernen Akzenten im Ländler des Scherzos, im gleißend polierten Choral und dem als Idée fixe intonierten Hauptthema des Finales. All dies ruft Inbal oft nur mit den Fingerspitzen seiner linken Hand hervor. Das eigentlich Unalltägliche seiner Interpretation liegt jedoch in den unspektakulären Bewegungen seiner rechter Hand: Ihre präzise pulsierenden Figuren sind Ausdruck eines ungewöhnlich klaren, übergeordneten Zeitempfindens, mit dem er jede Tempoveränderung als spannende Abweichung erfahrbar macht und ahnen lässt, dass in Bruckners Zählzwang auch eine Zähllust gesteckt haben mag. Carsten Niemann

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