KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

H. P. Daniels

BLUES

Kolossaler Wal: Chris Farlowe und die Hamburg Blues Band im Quasimodo

Einige mokieren sich, dass sie nicht ins Quasimodo gekommen seien, um „die da“zu hören, sondern wegen Chris Farlowe. „Die da“ vorne heißen Hamburg Blues Band, alte Recken aus dem Umfeld von Lake und Interzone. Und der famose Dave „Clem“ Clempson an der Leadgitarre. Sie spielen mollig kotelettigen Blues-Rock. Schwere Riffs, mittleres Tempo. Gert Lange singt mit heißer Kartoffel-Blues- Stimme, drischt die Rhythmusgitarre. Solide Unterhaltung.

Chris Farlowe kommt kurz vor Mitternacht, dreht das Mikrostativ einen halben Meter runter, bevor er aufdreht: „Crazy ’Bout My Baby“. Er tanzt wie ein großer Wal, schlägt kräftige Wellen mit seiner expressiven Soul-Stimme, die schon bei seinem größten Hit „Out Of Time“ vor 45 Jahren beeindruckte. Doch aus der Zeit gefallen ist der kolossale 71-jährige Londoner keineswegs. Ohne die knödelig vibrierenden Manierismen, die er als Sänger von Colosseum noch in den Siebzigern pflegte, klingt er heute reifer, leidenschaftlicher, überzeugender. Mit brillanten Scat-Improvisationen, vom tiefen Bariton bis in die Donald-Duck-Lage. Mit R&B, Shuffle, Boogie, Soul. Am besten ist Farlowe nur mit Pianobegleitung und der anrührenden Ballade „Don’t Wanna Love You Anymore“. Dann noch mal mit voller Band-Wucht und einer brillanten Version von Steve Mariotts Small Faces-Hit „All Or Nothing“. Zeitlos. H. P. Daniels

THEATER

Sprudeln: Ernst-Busch-Schüler mit „Nachtasyl“ an der Schaubühne

Nicht ins Leben kommen – nicht auf die Bühne kommen. Es liegt auf der Hand, die verzweifelte Lage der Asylinsassen aus Maxim Gorkis „Nachtasyl“ auch auf die eigene Schauspielersituation zu übertragen – nicht erst seit Einar Schleefs Stück „Der Schauspieler“, in dem Schauspieler in ein Asyl gehen, um dort die Menschen zu treffen, die sie spielen sollen. Doch statt zu erfahren, wie Armut darzustellen ist, offenbart sich den Schauspielern vor allem die eigene Armseligkeit.

Auch in der Version des „Nachtasyls“ (wieder 17./18. 20./21.1), die Peter Kleinert für das Studio der Schaubühne mit Schauspielschülern der Ernst-Busch-Schule erarbeitet hat, sprechen die Schauspieler viel über ihre Figuren und jonglieren mit Klischees. Aber eben weniger aus pathetisch bohrendem Erkenntnisinteresse wie bei Schleef, sondern mehr aus übersprudelnder Jungschauspielerfreude und selbstbezüglicher Augenzwinkerei. Na und? Wenn es so charmant gemacht ist. Hat sich also jeder zu seiner traurigen Gestalt eine gegenwärtige Biografie ausgedacht. Carl Niclas Rohrwachers verarmter Baron kommt nun als Uckermark-Adliger mit Collegeschuhen daher, dessen Insider-Devisen-Handel leider aufgeflogen ist. Florian Steffens Handwerker Klesc schimpft auf Ausländer und „die da oben“, während Bernardo Arias Porras als trinkender Schauspieler in Slapstickeinlagen vorführt, was man auf einer Schauspielschule alles lernt (Clownsgrinsen, Weinen, Lachen und Denken mit dem Objekt) – und nachher trotzdem arbeitslos ist.

Es gibt Längen, einige Witze bleiben flau, unwiderstehlich ist es doch. Und wenn die wunderbare Jasna Fritzi Bauer mit glockenklarer Stimme „Over The Rainbow“ singt, auch rührend schön. Andreas Schäfer

KLASSIK

Ich sage dir: Zubin Mehta und die Staatskapelle im Schiller Theater

„Klanglich überwältigend“ nennt Berlins Staatsoper in ihrer Werbung alle drei Werke, die auf dem Programm der Staatskapelle unter Zubin Mehta stehen. Und es stimmt, dass die Kompositionen ein Moment der Ergriffenheit verbindet, das überwältigen will. Die „Eroica“ von Beethoven ist eine Heldenmusik, ob sie nun Bonaparte gehört oder nicht, jedenfalls verknüpft mit der französischen Revolution, „Leonore III“ eine Freiheitsfeier. Dazwischen schiebt sich im Schillertheater ein „Divine Song“ für Erzähler und Orchester, ein gewaltiger Brocken von philosophischer Thematik. Der Komponist aus Indien, der in Großbritannien lebt, heißt Naresh Sohal, und der „Göttliche Song“ ist Zubin Mehta gewidmet. Israelische Uraufführung 2009 in hebräischer Sprache. Es geht darin um die ersten Kapitel der „Bhagavad Gita“, die auch als Bibel der Freiheitskämpfer gilt. Krishna lehrt einen zögerlichen Krieger die Pflicht zum gerechten Kampf: „Wahrlich, ich sage dir.“

In der deutschen Erstaufführung spricht Stefan Kurt diesen Text mit eindringlicher Klarheit, zumal in der Rolle des Helden, der kein Held sein, weil er nicht töten möchte. Die Musik klingt zunächst wie eine Mischung aus Donaueschingen und Hollywood, denn der Komponist kennt sich aus, tendiert dann doch eher zu Historienfilmen. Sehrendes Streichermelos, Flöte und Harfe, Rhythmus und Stärke der Kriegsmusik. Sie ist reißerisch, ohne Tünche, unbekümmert und – ehrlich. Im Einvernehmen mit der Staatskapelle dirigiert Mehta sehr intensiv Beethovens Polyphonie, eine Kontrapunktik, die von Bach kommt. Sybill Mahlke

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