KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Ganzkörpermusik: Der Geiger

Christian Tetzlaff beim DSO

Es tut einfach gut, Christian Tetzlaff zu hören. Weil er großartig Geige spielt. Und weil er zu den Musikern gehört, für die das Fragen der Grundantrieb ihrer Existenz ist und für die Antworten nurmehr Zwischenstationen sind. Es ist nicht auszuschließen, dass der 44-Jährige auch Schostakowitschs 1. Violinkonzert in vier, fünf Jahren ganz anders spielen wird als am Sonntag mit dem DSO in der Philharmonie: dass er etwa den zweiten Satz mehr mit ätzendem Sarkasmus als mit schroffem Trotz angehen wird oder dass in den langsamen Sätzen dann weniger von dem inneren Frieden und (noch) mehr von Angst und Außenseitertum die Rede sein wird. Denn gerade die Unbedingtheit, der physische wie emotionale Totaleinsatz, mit denen sich Tetzlaff diesem Stück stellt, lassen sofort eine Rastlosigkeit der Auseinandersetzung spüren, die immer weiter gärt. Schostakowitschs Stück braucht so einen Musiker vielleicht noch stärker als alle anderen großen Violinkonzerte, fordert den grellen Aufschrei ebenso wie die völlige Verinnerlichung. Aber eben auch eine Lebenskraft, die Tetzlaff zur Grundlinie seiner Interpretation macht: Im aggressiv angegangenen Scherzo, in der selbstverachtenden Kaltschnäuzigkeit des Finales, aber auch in den Bach-Anklängen der Passacaglia, die bei Tetzlaff eine bewegende Wärme und Zärtlichkeit besitzen.

Vielleicht hatten die Veranstalter schon vorher geahnt, dass mit der Intensität von Tetzlaffs Interpretation ohnehin nichts würde mithalten können. Jonathan Nott gestaltet um diesen Monolithen eine luxuriöse Entspannungszone: Zu Beginn eine Skriabin-Sonate, von Georg Friedrich Haas in eine aparte Klangstudie für Orchester transformiert, hintendran die aufgekratzte, wild verwucherte 1. Sinfonie des Briten William Walton. Nott bringt beide Stücke so animiert über die Runden wie eben möglich. Es kann ja nicht alles große Musik sein. Jörg Königsdorf

KLASSIK

Action Painting: Mini-Mahler

im Kammermusiksaal

Die Grenzen des Wachstums sind auch in der Orchesterwirtschaft längst erreicht. Die riesigen Apparate der Sinfonieorchester erscheinen beinahe wie Fossilien aus Zeiten, in denen selbst der kleinste Gedanke groß gedacht werden musste – um dann im vereinten Schäumen von 100 Musikern unterzugehen. Klein ist das neue Groß, die Stunde kreativer Kammerorchester schlägt. Für die Reduktion bei gleichzeitiger gedanklicher Verdichtung gibt es leuchtende Vorbilder wie Schönbergs „Verein für musikalische Privataufführungen“, der aktueller Musik in Kammerarrangements zum Durchbruch verhelfen wollte. Dieser Tradition spürt das Ensemble MINI nach, das unter Leitung des jungen Briten Joolz Gale ein Mini-Mahler-Festival im Kammermusiksaal veranstaltet. Ein verwegenes Unterfangen, voll Vertrauen auf die eigene Überzeugungskraft bei Programmgestaltung und Spendenakquise. Debussys Streichquartett spielen die jungen Solisten mit starkem Gefühl für rhythmische Rückungen und vibrierende Stille. Mahlers Rückert-Lieder singt Eva Vogel berückend gradlinig, auch wenn sie ihrem Mezzo mehr individuelle Tönungen gönnen könnte. Bei Schönbergs Kammersinfonie Nr. 1 spritzt die eine oder andere Klangfarbe quer in den Raum: Die 2. Wiener Schule als Action Painting für Ensemble – unwiderstehlich. Im April geht’s weiter. Folgen Sie dem Ensemble MINI auf Facebook – und in den Kammermusiksaal. Ulrich Amling

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