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KLASSIK

Metamorphosen: Das

Artemis Quartett spielt Beethoven

Scharf gerissene Punktierte, die Bögen kratzen auf den Saiten, immer schneller und wilder die Fahrt. Der Karren fliegt aus der Kurve, Funken stieben, ein Jubel, ein Wahnsinn, noch ein paar Peitschenschläge – und Schluss. So beendet das Artemis Quartett im Kammermusiksaal der Philharmonie Beethovens Rasumowsky-Quartett op. 59, Nr. 2, verwegener und bezwingender noch als auf seiner EMI-Einspielung.

Das Furiose und das Furchtsame, Atomisierung und Rematerialisierung: Der 2009 gestartete Beethoven-Zyklus des Ensembles liefert gleichsam Röntgenaufnahmen von den Quartetten des Titanen. Schon bei den aufstampfenden, dann im Nu vagabundierenden Eingangstönen des Rasumowsky-Quartetts sind Natalia Prishepenko und Gregor Sigl (Violinen), Friedemann Weigle (Bratsche) und Eckart Runge (Cello) Meister des Umschlags, der sekundenschnellen Verwandlung des Manifesten ins Ephemere – und umgekehrt. Beethoven, von allen Seiten durchleuchtet. Selbstgewissheit verflüchtigt sich ins Selbstvergessene, vor allem in den langsamen Sätzen rauben einem solche Metamorphosen den Atem. Allein wie die Primgeige im Adagio von op. 59, Nr. 2 in die unendlichen Weiten anderer Welten vordringt. Verklärte Nachtmusik, fahle, vibratolose Zombieklänge, tönerne Gerippe – und schon stehen die Toten wieder auf und tanzen auf ihren eigenen Gräbern.

Beethoven bei Artemis, das hat mittlerweile Methode. In den frühen Werken, diesmal dem A-Dur- und dem G-Dur-Quartett aus op. 18, legen sie Lunten, lassen Gefälliges austrudeln, Gewissheiten wie Kometen verglühen. Jedes Fugato eine Verflüssigung, ein Zersetzungsprozess. Mit feinen, kecken Stichen implantieren sie Momente des Modernen ins klassische Gewebe, kapriziöse Kakofonien, Spukgestalten, Überdrehungen. Im Spätwerk, bei Rasumowsky nach der Pause, geht die Saat dann auf. Auch das ist bei Artemis ein organischer, vitaler Prozess. Apropos Vitalität: Wie immer beglückt das Ensemble mit Risikofreude, bei der Phrasierung, den Tempi und der Dynamik. Auch wenn sie es nie übertreiben, geht das anfangs schon mal auf Kosten der Intonation. Einklang ja, Gruppenzwang nein, das ist die höchste Kunst. Ohne Blessuren ist sie nicht zu haben. Christiane Peitz

SHOW

Stand-Up-Gesänge: Pippo Pollina

in der Bar jeder Vernunft

Pippo Pollina ist ein mit vielen Talenten und einer spannenden Lebensgeschichte gesegneter Mensch. Stoff genug für eine autobiografische Revue in der Bar jeder Vernunft mit kitschverdächtigem Titel: „Über die Grenzen trägt uns ein Lied“.

Im Zentrum der Show stehen seine temperamentvollen, am Klavier und an der Gitarre vorgetragenen Songs, um die herum der Liedermacher ein multimediales Universum entwirft. Der gebürtige Sizilianer, der heute in Zürich lebt und hervorragend Deutsch spricht, zeigt Ausschnitte aus Talkshows und von Konzerten, teils mit ihm, teils ohne ihn. Er beweist Stand-Up-Qualitäten bei Plaudereien über seinen ersten DDR-Besuch, für den er das „Kapital“ auswendig gelernt hatte, und sein erstes Konstantin-Wecker-Konzert, bei dem Wecker 24 Zugaben spielte und so stark schwitze, dass er „immer schmaler“ wurde.

Nach der Pause holt Pollina Leoluca Orlando, den langjährigen Bürgermeister von Palermo, auf die Bühne und unterhält sich mit ihm über Berlusconi als „Gefahr für Europa“. Er führt Ausschnitte aus einem Dokumentarfilm über sich vor, der demnächst in der Schweiz in die Kinos kommt, und spielt Klavier dazu. Er liest aus einem biografischen Roman seines Freundes Franco Vassia Schlüsselerlebnisse seines Lebens vor. Wie er, noch als Teenager, für eine Antimafia-Zeitschrift arbeitet, bis deren Chefredakteur von der Cosa Nostra ermordet wird. Wie er als Straßenmusiker durch die Welt zieht und Zufallsbekanntschaften macht.

Mit seiner schlanken Figur und der Lionel-Messi-Frisur könnte Pollina glatt zu den älteren Spielern der Squadra Azzurra gehören. Jemand mit weniger Talent und Charme würde sich in der Fülle einer solchen Präsentation verlieren. Doch nicht so Pollina. Er singt mitreißende selbst komponierte Canzoni, ein mit Wecker geschriebenes Stück und eine ins Italienische übertragene Version von Jacques Brels Klassiker „Amsterdam“. Allein das Tamburin-Solo vor der Pause ist das Eintrittsgeld wert (noch bis 23. Januar, Fr/Sa 20 Uhr, So 19 Uhr). David Assmann

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