KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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KLASSIK

Zartfühlend: Das Ensemble Modern in der Neuen Nationalgalerie

Am Anfang war die Idee einer Begegnung von Bild und Klang: Die Hanne-Darboven-Stiftung hatte bei Ernstalbrecht Stiebler eine Komposition in Auftrag gegeben, die sich auf ein Werk der Künstlerin bezieht. Zum krönenden Abschluss der vier Konzerte, mit denen sich das Ensemble Modern beim „Ultraschall“-Festival präsentiert, soll Stieblers „Ton in Ton“ in der Neuen Nationalgalerie auf Darbovens Objekt treffen. Dann aber ist da am Sonnabend – aus „organisatorischen Gründen“ – doch kein Konzeptkunstwerk da. So wird die Uraufführung zum akustischen Solo, ein feines Gespinst für Holzbläser und Streicher, gesponnen aus nichts als ein paar lang gehaltenen Tönen. Ein ideales Stück für die prekäre Akustik in Mies van der Rohes grandioser Halle, ebenso wie Morton Feldmans „Viola in My Life II“, von Megumi Kasakawa und sechs Musikerkollegen als Meditation angelegt. Uwe Dierksen arbeitet in Arnulf Herrmanns virtuosem Posaunensolo „Roor“ geschickt mit Echo-Wirkungen, Dietmar Wiesners Flötenton wiederum wird in Varèses „Density 21,5“ durch den hohen Raum ganz weich. Dass die gigantischen Glasscheiben von der jüngsten Sonderausstellung noch mit schwarzen Stoffbahnen verhängt sind, ist schade – und zugleich eine schöne Metapher für das, was hier stattfindet: Avantgarde im Kokon, ohne Sichtkontakt zur Außenwelt. Frederik Hanssen

OPER

Glatter Durchschuss: Der Freischütz

an der Neuköllner Oper

Webers „Freischütz“ hat uns heute nicht wegen Waldweben, Biedermeier und Geisterschauer etwas zu sagen, sondern wegen der Geschichte eines jungen Mannes, der Angst hat, bei der unmenschlichen, alles entscheidenden Prüfung zu versagen. Insofern tut Luise Rist an der Neuköllner Oper gut daran, in ihrer Bearbeitung „Der Freischuss“ diesen Strang in den Mittelpunkt zu stellen. Allerdings zerfällt das Original bei ihr in Atome, die sich nicht neu zusammensetzen, sondern abstoßen (Regie: Gustav Rueb). Max ist Polizist und will zum SEK. Um seine Agathe, die hier Linn heißt, muss er nicht kämpfen, er hat sie schon. Warum er trotzdem nicht zufrieden ist, sogar bei der Hochzeit noch mit der Knarre fuchtelt und im Wahn den deutschen Wald im Berliner Großstadtdschungel erblickt, wird aus dem Abend nicht deutlich.

Ilja Martin Schwärsky leiert seinen Text so herunter, als würde er sich ständig selbst die Fragen stellen, die Dramaturg Bernhard Glocksin für diese Spielzeit ausgegeben hat: Was tust du, was ist dein Ziel, deine Rolle? Da er zudem unsicher intoniert und auch Victor Petitjean als Kumpel Tom mit zähem Bass singt, strahlt nur Ulrike Schwab als Linn mit geschliffenem Soprantimbre. Jan Müller-Wieland hat die Partitur skelettiert, den Jägerchor zum Summen reduziert und einzelne Themen mit zwei Bläsern, Schlagwerk, Cello und Klavier assoziativ weiterentwickelt (Leitung: Hans-Peter Kirchberg). Wie schon bei Weber macht vor allem die Musik das Stück interessant (wieder am: 27.-29.1., 2.-16.2.) Udo Badelt

KUNST

Die Liebe zu den Steinen: Fotografie

in der Alfred-Erhardt-Stiftung

Unnatürlich, diese Natur. Wasser so weiß wie Schnee. Klippen so schwarz wie die Nacht. Und erst das Moos! Greller als der grünste Textmarker. Dass Charles Compère noch für die gute alte Analogfotografie lebt, mag man kaum glauben. Oder eben erst, wenn man seine Arbeitsweise verstanden hat: per Mehrfachbelichtung überblendet er Hügel mit Eisschollen und Bergspitzen mit Sträuchern. Flächige, feingliedrige „Schichtungen“ sind das Ergebnis, so auch der Titel seiner Ausstellung in der Alfred-Ehrhardt-Stiftung (Auguststr. 75, bis 8. 5.; Di-So 11-18 Uhr, Do 11-21 Uhr). Durch die auffällige Farbintensität entsteht der Eindruck, Compère habe keine großformatigen Landschaftsaufnahmen geschaffen, sondern Gemälde.

Die Struktur der Natur zog schon Alfred Ehrhardt ins Freie. Auf Island untersuchte er Vulkan- und Basaltformationen, um Rillen und Risse mit der Kamera festzuhalten. Herausgekommen sind Schwarz-Weiß-Bilder, die dem „Gestein“ ihre Härte nehmen. Ein Felsen bauscht sich zum Ball und gleicht einer Baumkrone. Eine Lavakuppel zerfällt in zwei Teile und hinterlässt eine Ruine. Ehrhardt fängt Bewegung ein, wo sie am wenigsten zu erwarten ist. Der Dokumentarfilmer hatte am Dessauer Bauhaus die Liebe zu Abstraktheit, Textur, Geometrie erlernt. (13. 3., 14 Uhr, Künstlergespräch mit Ch. Campère) Annabelle Seubert

KLASSIK

Das hohe Lied: Marienvesper von Monteverdi im Kammermusiksaal

Die Fliege des Dirigenten gerät zwar in Schieflage, nicht jedoch die Intonation. Letzteres ist keine Selbstverständlichkeit: Denn der Berliner Figuralchor und die Kinder der Cantores minores, die Gerhard Oppelt in Claudios Monteverdis Marienvesper dirigiert, sind Amateure. Mit ihren leuchtenden und sonoren Klängen setzen sie einen wichtigen Impuls in der Berliner Chorszene. Das frühbarocke Repertoire hat nur eine Chance, das Defilée der Messiasse, Eliasse und Paulusse aufzubrechen, wenn sich auch Amateursänger mit der historischen Aufführungspraxis beschäftigen, die nicht im Crash-Kurs zu erlernen ist.

Ansonsten ist der Abend im Kammermusiksaal von Licht- und Schattenseiten geprägt: Einerseits gelingen Oppelt beseelte Abschlüsse und eine bemerkenswert differenzierte Lautstärkenregie. Andererseits sorgen seine oft recht unökonomischen Bewegungen für viele rhythmische Unschärfen und flache, mangelhaft gestützte Choreinsätze. Doch die engagierten Instrumentalisten des Ensembles Berlin Baroque sind hellwach und die Mehrzahl der Solisten begeistert: Es ist ein Fest, zu erleben, wie sich Hans Jörg Mammel, einer der erfahrensten Kenner des frühbarocken Repertoires, einen furiosen Verzierungswettstreit mit seinem vielversprechenden jungen Tenorkollegen Tobias Hunger liefert. Oder wie feinsinnig und intensiv Altus Alex Potter, der gerade mit einer beachtenswerten Rosenmüller-Einspielung hervorgetreten ist, das hohe Lied der Liebe anstimmt.

Carsten Niemann

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