KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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KLASSIK

Sublim: Magdalena Kozená und

Daniel Barenboim im Schiller Theater

Als Zugabe singt Magdalena Kozená ein Pröbchen von Schumann: Eigentlich hatte die Mezzosopranistin für ihre Matinee im Barenboim-Zyklus der Staatsoper Schumanns Eichendorff-Liederkreis angekündigt. Nun belässt sie es bei „Intermezzo“ – und ihr Vortrag des kleinen Liedes verrät, dass sie noch nicht so weit ist mit der Sprache und dem romantischen Schumann-Ton: „Dein Bildnis wunderselig“ klingt wie ein respektvolles Zeichen aus der Werkstatt einer Sängerin.

So glänzt Kozená im voll besetzten Schiller Theater zunächst mit den Tierporträts der „Histoires naturelles“ von Ravel. Darin wird selbst der Schrei, den ein heiratswütiger Pfau quasi lebensecht ausstößt, zum sublimierten Effekt. Es sind Lieder zwischen Eleganz und Groteske, die sie ohne Fehl in allen Registern singt. Und Daniel Barenboim dekoriert mit glitzerndem Klavierstil Wasserspiele um „Le cygne“, den Würmer suchenden Schwan. Wer denkt nicht an Mélisande, wenn Kozená in Debussys „Chansons de Bilitis“ von einem Liebestraum über „La chevelure“ singt, diese sehr französische Lyrik über das Haar!

Folgt ihre Meisterschaft im russischen Lied. Da scheint die Amme aus „Boris Godunow“ Märchen zu erzählen in der „Kinderstube“ Mussorgskis, und die scherzhaften, weinerlichen Töne wechseln mit Anmut und wieder Geplärr. In dem „Satiren“-Zyklus von Schostakowitsch sprudeln freche, brillante und wilde Töne. Auch wer des Russischen nicht mächtig ist, spürt bis ins Detail die Souveränität, die Kunst einer Gestaltung ohne Grenzen. Sybill Mahlke

KLASSIK

Geschmeidig: Gerd Albrecht und

das RSB in der Philharmonie

Fünf Jahre war Gerd Albrecht Chefdirigent der Tschechischen Philharmonie Prag. Genug Zeit, um ein Faible fürs Böhmische zu entwickeln. Vor zwei Jahren dirigierte er einen reinen Dvorák-Abend mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, jetzt kehrt er ans Pult des RSB mit zwei Werken zurück, die 1924 und 1926 in Prag uraufgeführt wurden. Die Lyrische Sinfonie ist ein spätromantisch schwelgendes Stück, mit dem Alexander Zemlinsky in Anlehnung an Mahlers „Lied von der Erde“ fernöstliche Lyrik vertonte. Die eher autistisch ums eigene Ich kreisenden Liebestexte von Tagore wurden von Hans Effenberger kunstgewerblich in deutsche Prosa übersetzt. In der Philharmonie verleiht ihnen Franz Grundheber Milde und Charakter des reifen Mannes. Sein Bass, den er auch in der Höhe geschmeidig hält, mischt sich gut mit dem Orchesterklang. Anders bei Camilla Nylund, deren bronzeverschatteter Sopran sich nur in den leisen Partien durchsetzen kann, im Fortissimo schlagen die Klangwogen über ihr zusammen.

Nach der Pause hält Gerd Albrecht die Zügel entschlossener in der Hand; vielleicht liegt es am sportlichen Charakter von Leos Janáceks Sinfonietta, die für ein politisches Turnfest geschrieben wurde. Jetzt scheint Albrecht den Dingen nicht mehr ihren Lauf lassen zu wollen, er wird gestenreicher. Hochengagiert nähert sich das Orchester den atmosphärischen Brüchen und koboldhaften Miniphrasen des nur 23 Minuten langen Stücks. Udo Badelt

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