KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

von

KLASSIK

Souverän: Barenboim spielt mit

der Staatskapelle Tschaikowsky

Vom ersten Takt an hat Yefim Bronfman alle Hände voll zu tun. Im polyphonen Geflecht von Bartóks zweitem Klavierkonzert muss sich der Solist immer wieder behaupten, auch im ersten Satz, wo Bartók die Streicher ganz weglässt und so dem Klangbild eine eigentümliche Härte gibt. Im Konzerthaus am Gendarmenmarkt nimmt Bronfman die Herausforderung mit der Staatskapelle gerne an und spielt für zwei, ein Schwerstarbeiter an der Musik, mit Akkorden wie Hammerschlägen, doch auch mit der Fähigkeit, sich im Adagio des zweiten Satzes subtil dem vom Orchester vorgegebenen Thema anzuverwandeln.

Nach der Pause steigt Daniel Barenboim schnell und entschlossen in Tschaikowskys sechste, letzte Symphonie ein, mit ausgebreiteten Armen inszeniert er sich als souveräner Gebieter über die Dynamik, klar und rein sind die Stimmen geschichtet, ohne je zu verschmieren. Die rhythmischen Vertracktheiten des von Todesahnung durchdrungenen Walzers nimmt das Orchester fast zu glatt, dafür hält es Spannung im Scherzo beständig in der Schwebe und steigert sie noch, bis endlich der Marsch einsetzt, der immer schon zuvor in Fragmenten durch die Faktur des Satzes gezuckt war.

Natürlich klatschen Besucher nach diesem „falschen Finale“, dabei beginnt doch das eigentliche Ereignis der Pathétique jetzt erst. Nach langer Zäsur das Lamento des letztes Satzes: Ein Klagegesang, der Abgründe öffnet. Immer fahler werden die Klangfarben, verdämmern im mehrfachen Pianissimo, Pigment für Pigment nimmt Daniel Barenboim weg, bis buchstäblich nichts mehr da ist. Eine Stille, die noch lange nachklingt.

Udo Badelt

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