KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

von
Foto: Moritz Schell
Foto: Moritz Schell

THEATER

Solide: „Herbstsonate“ im Theaterforum Kreuzberg

Im Programmtext heißt es: „Einen Film als Theaterstück zu inszenieren – heißt das, den Film nachzuspielen? Warum sollte man, es gibt ja den Film“. Da ist man dann doch einigermaßen verblüfft, Ingmar Bergmans „Herbstsonate“ (Eisenbahnstr. 21, wieder am 29./30.1., 20 Uhr) im Theaterforum Kreuzberg Szene für Szene nachgebildet zu sehen (Regie: Peter Wittig), mit fast identischem Text. Weiße Absperrbänder schneiden ein Quadrat aus der schwarzen Bühne, Heidrun Turina liegt als schwer kranke Schwester Helena im Rollstuhl, Klaus Bobisch als Viktor sitzt auf dem Stuhl und hat wenig zu tun. Die Bühne gehört Mutter und Tochter, und Margarete Steinhäuser als Charlotte nimmt sie sich: Eine immer noch elegante Frau, in die Jahre gekommen, doch innerlich nie erwachsen geworden. Deshalb konnte sie auch nie die Mutterrolle übernehmen, und Eva, ihre Tochter, ist früh versteinert.

Bei Katja Lawrenz ist diese Eva eine herbe, stets verärgerte, besserwisserische Frau, viel zu selbstsicher, ihr fehlt der Zweifel von Liv Ullmann, das Schüchterne, das sich erst im Verlauf der Nacht zur Katastrophe steigert. Diese Nacht, zentrale Szene von Film und Stück, wird von Mutter wie Tochter verschenkt. Steinhäuser bleibt innerlich immer gefasst, als sie sich die schrecklichen Vorwürfe von Eva anhört, da bröckelt nichts – welcher Abgrund liegt dagegen in den geröteten Augen von Ingrid Bergmann. Und Lawrenz’ Eva mangelt es, da sie eigentlich schon den ganzen Abend verärgert und aggressiv war, beim finalen Ausbruch an Fallhöhe. Was bleibt, ist eine handwerklich gut gemachte Übertragung des Films in ein anderes Medium, die aber die Figuren nicht neu deutet und der Vorlage kaum etwas hinzufügt. Udo Badelt

KLASSIK

Flammend: Simone Kermes

im Konzerthaus

Selten sind die Abende, an denen strahlend klar wird, warum es klassische Konzerte auch in Zeiten von Downloads in Dolby-Surround-Sound noch gibt und geben wird. Dabei wirkt das Konzerthaus zunächst wie ein versunkener venezianischer Palazzo, mit versprengten Hochglanzprogrammheft-Verkäufern und einsamen Musikern auf einer fahl ausgeleuchteten Bühne. Doch dann kommt sie: Simone Kermes stürmt auf halsbrecherischen Plateau-Stiefelchen herein, eine Diva mit flammend roter Haarpracht, die es liebt, kräftig aufzutreten. Der ehemaligen Schreibfachkraft ist das blutleere Posieren ihrer Kollegen zu fad. Darin spiegelt sich kein äußerer Originalitätswahn. Kermes wiegt sich zu ihren Barockarien, als könnte kein Takt gegenwärtiger sein, sie tanzt diese lange vergessenen musikalischen Erregungen von Porpora, Caldara und Broschi, als gehe es um ihr Leben. Die Sopranistin stürzt ihre Zuhörer in die wildesten Gefilde von Hass und Verzweiflung, um sie mit perfekt fokussierten, sanft schwellenden Tönen jeglicher Last und Zeitlichkeit zu entheben. Dieser ebenso durchschaubaren wie unwiderstehlichen Dramaturgie kann man nicht entrinnen – und sieht über längliche Intermezzi des ohne Kermes’ steter Energiezufuhr nicht immer intonationssicheren Ensembles „Le Musiche Nove“ hinweg. Natürlich versucht sich bei den irrwitzigen, leichterhand beherrschten Koloraturkaskaden ein Vergleich mit der Bartoli aufzudrängen, deren Exfreund jetzt die Musik für Kermes ausgräbt. Doch wer will kleinlich sein, wenn er zwei Diven erleben kann – und Konzerte wie dieses. Ulrich Amling

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