KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

Daniel Wixforth

KLASSIK

Ganz nah: Renaud Capuçon und die Academy of St. Martin in the Fields

Wenn Renaud Capuçon an diesem Abend weitgehend auf das Dirigieren verzichtet, würdigt das rein äußerlich die Tradition des Orchesters, mit dem der Franzose nach Berlin gekommen ist: Die Academy of St. Martin in the Fields spielte seit 1959 immer ohne Dirigent – schon ihr Gründer Neville Marriner saß lieber auf dem Stuhl des Konzertmeisters. Dass Capuçon das im Konzerthaus auch tut, mag bei einem Geiger nicht verwundern – bei einem komplexen Werk wie Richard Strauss’ „Metamorphosen“ fragt man sich dennoch, ob das Kollektiv ohne Leitfigur am Pult nicht ins Schwimmen geraten muss.

Capuçon straft alle Zweifel Lügen. Dieser wunderbar matte Streicherklang, diese zarte erste Geige, die sich so weich in die Masse einfügt und doch so klar aus ihr heraussticht! Alles ist hier zäsurlos miteinander verwoben: Der klagende Trauergesang der Celli und Bässe vom Beginn windet sich scheinbar unbemerkt zu schreienden Tutti, um am Ende wieder bis zum Nichts ausgedünnt zu werden. Das ist ganz großes Interpretationskino und der Höhepunkt an einem Abend, der mit Mozarts Violinenkonzert in B-Dur beginnt. Capuçons feingeschliffener Ton bietet da bisweilen zu wenig Reibungsfläche, das Orchester wahrt aristokratische Contenance. Da liegen die Tschaikowsky-Werke für Streichorchester den Beteiligten eher. Von kammermusikalischer Interaktion im Adagio bis zum Finale, in dem das Orchester und Konzertmeister Capuçon sich energisch an der Folklore-Thematik zerreiben, bleiben auch beim abschließenden „Souvenir de Florence“ wenig Wünsche offen. Große Ovationen. Daniel Wixforth

KUNST

Höllisch: Figurenmalerei aus China im Museum für Asiatische Kunst

Zehn Höllen gibt es im chinesischen Buddhismus, und jede hat ihren König. Der Siebte Höllenkönig, wie der Tuschemaler Lu Xinzhong ihn Ende des 13. Jahrhunderts sah, thront vor einem prächtigen Stellschirm mit Landschaft, während monströse Schergen die von ihm festgelegten Strafen an armen Sündern vollstrecken. Die Ausstellung „Menschen und Götter“ im Museum für Asiatische Kunst dreht sich um Figurenmalerei in China (Dahlem, Lansstraße 8, bis 27. März, Di - Fr 10 - 18, Sa und So 11 - 18 Uhr).

Knapp 50 Exponate sind zu sehen, zählt man das Nebenkabinett mit figürlicher Malerei aus dem 20. Jahrhundert hinzu (bis 17.4.). Hier zählt Song Zhongyuans Selbstporträt von 1987 zu den Höhepunkten – der Schattenriss eines unzufriedenen Hochschulrektors am Schreibtisch, der lieber wieder Vollzeitkünstler wäre. Neuerdings interessieren sich auch chinesische Kunsthistoriker wieder für die Figurendarstellung, nachdem Literatenmalerei und Landschaftsdarstellungen solche Bilder lange in den Hintergrund drückten. Freilich sind Staffage-Figuren aus den Landschaften nicht wegzudenken. Mit Götterdarstellungen und Gedenkbildern hatte das Figurengenre seinen gloriosen Anfang genommen. Letztere sind in Form von Erinnerungen an legendäre Krieger aus der „Halle des Purpurglanzes“ der Qing-Dynastie zu sehen. Dazu breitet eine Querrolle von 1760 eindrucksvoll eine Verfolgungszene aus: Ein berittener Krieger jagt hinter einem anderen her, der schon von Pfeilen durchbohrt über dem Sattel hängt. Krieg war schon immer die Hölle – wurde hier aber paradiesisch gut gemalt. Jens Hinrichsen

KUNST

Sehnsüchtig: Freek Wambacq

im Künstlerhaus Bethanien

Zufall oder Rückschlag? Gut ein halbes Jahr ist es jetzt her, dass in Kreuzberg das Künstlerhaus Bethanien von linken Graffitisprayern zuerst in den Wahnsinn getrieben und schließlich sogar aus seinem Schlösschen vertrieben wurde. In der neuen Bleibe am Fraenkelufer ernennt es Schmierereien nun zur Kunst. Da, auf strahlend weißer Galeriewand, prangt ein riesiger dunkler Fleck. Schwarze Farbe ist in dünnen Bächen auf den Boden geflossen und irgendwann getrocknet: „Piss-Technik“ heißt die Methode, mit der sich Künstler Freek Wambacq im feinen Foyer ausgetobt hat. Den Feuerlöscher, der dabei als Sprühdose fungiert, hat der Belgier direkt vor seinem Werk drapiert.

Dass Street Art ausstellungswürdig ist, haben die meisten seit Graffitiguru Banksy verstanden. Dafür will Freek Wambacq auch nicht den hundertsten Beweis liefern. Vielmehr sucht er nach seiner ganz persönlichen Antwort auf die Frage, was Kunst ist.

Die Seife womöglich, die er im oberen Bethanien-Stockwerk auf ein Regal gelegt hat? Der Ast, den er gegenüber platziert hat? Oder vielleicht der Titel seiner Schau, der Besuchern die eigenen Sehnsüchte vor Augen hält - und mit verstecktem Hinweis auf einen allgegenwärtigen Möbeldiscounter, auf Marketing und Manipulation erklärt, wie solche Sehnsüchte produziert werden: „Übst Du noch oder spielst Du schon?“(Kohlfurter Str. 41 - 43, bis 6. Februar, Di - So 14 - 19 Uhr) Klar ist: Das Künstlerhaus Bethanien spielt längst. Mit Parolen und Provokationen konnte es schließlich schon zuvor wenig anfangen. Annabelle Seubert

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