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Playboy im dritten Frühling. Jörg Pleva als Thomas Maddison. Foto: Davids/Hübner
Playboy im dritten Frühling. Jörg Pleva als Thomas Maddison. Foto: Davids/HübnerFoto: DAVIDS/Huebner

THEATER

Orgie mit Zimmerpalme:

„Der lustige Witwer“ am Kudamm

So ist das also, wenn einem keiner eine Träne nachweint. Die verstorbene Agnes hat ihre letzte Ruhe kaum gefunden, da scherzt der eigene Sohn mit Totengräberhumor: „Lasst uns beten, dass kein Schraubenzieher im Sarg ist!“ Seine Bilanz der Mutter-Kind-Beziehung: „Wir fingen an, uns auseinanderzuleben, als ich in den Kindergarten kam.“ Auch beim hinterbliebenen Gatten ist nach dreißig Ehejahren wenig Erschütterung spürbar. Nach dem Tod seiner Frau – die ihre Verdienste als Vorsitzende der Anti-Alkohol-Liga und des Nichtraucher-Verbandes hatte – lässt er, nicht nur sprichwörtlich, die Korken knallen.

Kehrt der Provinz den Rücken, um im Londoner Nachtleben als Playboy im dritten Frühling zu erblühen. Den Pietätsbedenken, die Blumen auf dem Grab seiner Frau seien noch nicht mal verwelkt, hält dieser Thomas Maddison gelassen entgegen: „Die können nicht welken, die sind aus Plastik.“ Und schon hat er sich eine reizende Hostess angelacht, die ihm nach durchzechter Nacht entgegenschnurrt: „Ich brauch’ nichts gegen Kater, ich brauch’ was gegen Tiger!“

„Der lustige Witwer“ heißt hierzulande das Stück, das der Brite Simon Moss auf Grundlage der Sitcom „Tom, Dick and Harriet“ geschrieben hat, die Anfang der achtziger Jahre im englischen Fernsehen lief. Im Theater am Kudamm, in der Regie der Veteranen Jürgen Wölffer und Wolfgang Spier, wird daraus eine Boulevardkomödie alter Schule, in der die Beteiligten für einen guten Kalauer jederzeit die eigene Mutter verkaufen würden, wenn sie nicht schon tot wäre.

Jörg Pleva spielt in seinem Kudamm-Debüt den kindsköpfigen Schwerenöter Tom Maddison, der sich ungebetenerweise bei seinem Sohn Richard (René Heinersdorff) und der Schwiegertochter Harriet (Anja Topf) in der großen Stadt einquartiert. Während der trinkfeste Herr Papa mit der Lebedame Elaine (Florentine Schara) poussiert, die aufs erwartete Millionenerbe schielt, schwitzt Richard daheim über einer Werbekampagne für Sonnencreme, für die er dringend noch ein Laien-Model auftreiben muss – hätte er mal gleich den Fachmann gefragt. Sein Vater vermittelt ihm die schöne Bibliothekarin Sharon (Bianca Karsten), wobei das Fotoshooting neben der Zimmerpalme leider den häuslichen Frieden torpediert, weil es in Strömen von bulgarischem Billigchampagner unterzugehen droht und eher nach Orgie aussieht.

Wölffer und Spier inszenieren diese aus dem Ruder laufende Posse mit einer durch nichts zu erschütternden Komödienroutine. Je mehr die Verhältnisse ins Wanken geraten, desto besser sitzen die Pointen. Und Pleva gibt an der Spitze eines guten Ensembles einen so moralfreien wie vernügungslustigen Filou, der einem Schluck für Schluck sympathischer wird.

Gerade erst, Mitte Januar, ist der Charlottenburger Bürgerentscheid an mangelnder Beteiligung gescheitert, der erneut für den Erhalt beider Kudamm-Bühnen kämpfen wollte, obschon sich Intendant Jürgen Wölffer mit dem Investor längst auf eine Ein-Theater-Lösung geeinigt hatte. Die Querelen kommen nicht zur Ruhe, aber drinnen lebt der Boulevard völlig ungerührt davon (Theater am Kurfürstendamm, en suite bis 20. 2., Di bis So). Patrick Wildermann

KLASSIK

Glaubwürdig: Das Fest der Kulturen mit dem Rundfunkchor Berlin

Ein Riesending. Über 600 Sänger, fünf Chöre, sechs Dirigenten in vier Stunden. Hoher Aufwand für hohe Ziele: Mit dem „Fest der Kulturen“ in der Philharmonie will Simon Halsey, Leiter des Rundfunkchors Berlin und frisch ausgezeichneter Bundesverdienstkreuzträger, gleich zweierlei: so viele Menschen wie möglich für die Schönheit der Chormusik begeistern und „Menschen und Kulturen miteinander berühren, verbinden und bekannt machen“. Was wie bei Facebook abgeschrieben klingt, wird durch eine glücklich gewählte Klammer zusammengehalten – die des Glaubens. Orientalische einstimmige Strophenlieder, gesungen und gespielt vom Kreuzberger Konservatorium für türkische Musik unter Nuri Karademirli, stehen reizvoll direkt neben mehrstimmigen Kompositionen von Heinrich Schütz oder Robert Schumann. Sie zeigen, wie viele musikalische Wege zu Gott führen. Dann geht’s auf die andere Seite des Atlantiks. 500 begeisterte Berliner, vier Fünftel davon Frauen, haben sich gemeldet, um unter der Leitung des amerikanischen Gospel-Spezialisten André J. Thomas im Takt zu wippen und zu singen. Alle Beteiligten geben ihr Bestes, und da es vor allem darum geht, neues Publikum – und damit auch Nachwuchs – für den Chorgesang zu erschließen, avanciert ihr Auftritt zum Zentrum des Abends. Wie man aber wirklich gut singt, zeigt der Rundfunkchor zum Schluss mit Rachmaninows „Großem Abend- und Morgenlob“, der Vertonung zweier orthodoxer Messen. Berückender Klangfarbenreichtum und subtile dynamische Biegsamkeit, kontrastiert mit meditativen Impressionen auf der armenischen Oboe (Sirak Mkrtchyan). Der Abend unterschlägt nicht, welche scharfe Grenzen in der musikalischen Form zwischen den Kulturen bestehen. Seine Faszination besteht aber auch darin, dass alle den gleichen Gott besingen. Udo Badelt

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