KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

von

POP

Bittersüß: William Fitzsimmons

in der Kantine des Berghain

Ein Blick genügt, sagt er, und man entdeckt bessere Gitarristen. Ein zweiter, und man findet bessere Sänger. Meine Stärken, behauptet er, liegen in den Texten. Man sollte William Fitzsimmons auch in diesem Punkt die Wahrheit beibringen: Er schreibt höchstens Lyrik für den Sofortverzehr. Aber wie viele Singer/Songwriter gibt es, die so viele Handicaps in etwas so Eindringliches verwandeln? In jenem Riesenreich der Melancholie, das der Amerikaner mit Iron & Wine oder Bonnie Prince Billy bewohnt und dessen König der Brite Nick Drake war, ist er eine begnadet charismatische Erscheinung.

Mucksmäuschenstill wird es in der Kantine des Berghain, als er am Dienstag auf die Bühne kommt: ein Mann mit rasiertem Schädel, Brille und Rauschebart, dessen Vergangenheit als Kind blinder Eltern, Psychotherapeut und gescheiterter Ehemann hier jeder kennt, weil sie auch Musik geworden ist. Fitzsimmons hat zwei akustische Gitarren mitgebracht und Lieder aus den Alben „Goodnight“, „The Sparrow And The Crow“ und dem im März erscheinenden „Gold In The Shadow“. Eigentlich unterscheiden sich die Songs um Liebe und Verlust nur in Nuancen. Aber 75 Minuten staunt man, wie seine Sprechstimme jedes Mal von neuem um eine Tonlage höher in den Hauchmodus springt und bittersüß über einer DADGAD-Stimmung segelt, die auch bei bescheidener Technik harmonisch komplexe, impressionistische Klangbilder zaubert. In seinen Ansagen ist er dafür um keinen Witz verlegen und mokiert sich hingebungsvoll, dass eines seiner Lieder das Dschungelcamp-Finale untermalt hat. Im Nu hat er ein Gemeinschaftsgefühl hergestellt, auf dem man so beglückt nach Hause schwebt wie auf der Melodie der Zugabe „After All“. Gregor Dotzauer

ROCK

Bayrisch pur:

Hans Söllner im Kesselhaus

In Jeans und Kapuzen-Shirt sitzt Hans Söllner auf der Bühne vom Kesselhaus und erzählt erst mal: Dass er Namen nicht mehr aussprechen will, wegen der Beleidigungsklagen, die ihn schon eine Menge Geld gekostet haben. Heute beschimpft er den „Verhandler von Stuttgart 21“ unterm Gejohle des Publikums. Söllner hebt die Gitarre, spielt einen Akkord, lässt sie wieder sinken, erzählt weiter: von Heiner Geißler, dem Kind von Elton John, Bienensterben, Marihuanaanbau. Dass „ois, was da draußn passiert, nur passiert, weil mir des zualossn!“ Dass er ausspricht, was sich andere nicht zu sagen trauen, das macht den bayrischen Querkopf so attraktiv für seine Verehrer. Diese Mischung aus Althippie, Rastafari, Kiffer, Pazifist, Philantrop, Vegetarier, Träumer. Nachdem er sich 30 Minuten lang in Rage geredet hat, hebt Söllner die Gitarre wieder, schrabbelt einen Reggae-Groove, fängt endlich zu singen an, heiser, widerborstig, schön: „Perverse“, ein Lied über den unzulänglichen Zustand der Welt. Aber er singt auch von Hoffnung und Schönheit. Er tutet in die Mundharmonika wie Neil Young, mischt einfache Melodien im Geist von Dylan und Marley mit bayrischen Gstanzln. Bis der ganze Saal grölt: „Edeltraud, Edeltraud, du host a saubas Gros obaut …“ Stimmung wie im Bierzelt. H.P. Daniels

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