KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

von

KINO

So weit und groß –

ein Filmporträt Otto Modersohns

Seins war das Intime, ihres das „Große, Freie, Lapidare“. Er malte Landschaften, bevorzugt grau und braun, sie die Menschen dazu, schwerknochig, abstrahiert. Keine Frage, was Bekanntheit und Modernität angeht, hat sie ihn überholt. Doch als die junge Paula Becker den elf Jahre älteren Otto Modersohn kennenlernte, war das anders, da war er der Bekanntere, der mit der Künstlervereinigung Worpswede in ganz Deutschland Furore gemacht hatte. Der Rehabilitation von Otto Modersohn (1865–1943) ist nun eine Filmbiografie gewidmet, die das Modersohn-Museum in Fischerhude in Auftrag gab und die unter Mitwirkung gleich mehrerer Mitglieder der Familie entstand. Um es vorwegzunehmen: Über diese Familie hätte man gern mehr gewusst. Über Ottos dritte Ehefrau Louise Breling, die von Gesang auf Malerei umschult und doch nie dem Schatten ihrer Vorgängerin Paula entkommt. Über Ottos Sohn Christian, der ebenfalls malt und 2009 verstirbt – sein Enkel, der Regisseur Carlo Modersohn, hat ihm den Film gewidmet. Selbst Ottos letzte Haushälterin ist Malerin geworden. So viel Inspiration, so viel Kreativität. Da wäre mehr drin gewesen als eine relativ brave Collage aus zeitgenössischem Bild- und Textmaterial (Babylon Mitte, Lichtblick).Christina Tilmann

KLASSIK

So fantasievoll – das Kuss-Quartett

im Kammermusiksaal

Werke von fünfzehn Komponisten an einem Abend – ist das nicht ein bisschen viel? Nicht für das Kuss-Quartett: Das auch programmtechnisch innovationsfreudige Ensemble beginnt seinen Abend im Kammermusiksaal mit jenen Variationen über ein Volksthema, die dem Verleger Beljajew im Jahre 1898 von zehn russischen Komponisten als Geschenk präsentiert wurden. Es folgt eine zweite Serie von Miniaturen: Ein Volksliedarrangement von Tschaikowsky bildet in seiner verdrossenen Bäuerlichkeit die Brücke zu den drei Stücken für Streichquartett von Strawinsky; ein Satz aus Kurtágs Streichquartett und einer aus Weberns op. 5 führen zu Strawinsky und seinem Concertino von 1920 zurück. Mit Alfred Schnittkes „Kanon in memoriam I. Strawinsky“ erhält der Meister, der wohl das heimliche Thema dieser Variationen darstellt, ein Begräbnis erster Klasse. Hier müsste man applaudieren für das zwar nicht wirklich zwingend zusammengestellte, aber energetisch und bis ins Pizzicato traumhaft sonor präsentierte Defilee der Charakterköpfe. Verzeihlich, dass noch eine Reihe von Stücken aus Tschaikowskys Album für die Jugend folgt: zum einen wegen des hinreißenden Arrangements von Rostislaw Dubinsky und noch mehr wegen der Lebendigkeit, mit der die kindliche Sorge über die kranke Puppe oder die Fanfarenstöße der Holzsoldaten dargestellt werden. Gegen so viel Hochkonzentration und Fantasiefülle im Detail muss Tschaikowskys erstes Streichquartett dann etwas abfallen – die Stärke des Ensembles liegt an diesem Abend ganz in der Momentaufnahme. Carsten Niemann

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