KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

Volker Lüke

JAZZ

Nicht mehr alle Tassen im Schrank: Peter Brötzmann im HAU

Nach einer Woche hektischen Trubels bei der Club Transmediale kann der Suche nach neuen Klangabenteuern nur noch Reife entgegengesetzt werden. Folgerichtig hat man zum Abschluss des Festivals mit Peter Brötzmann einen Musiker eingeladen, der sich im Stadium der Vollreife befindet. Sogar Bill Clinton ist ein Fan des legendären Saxofon-Berserkers aus Wuppertal, der am 6. März 70 Jahre alt wird und noch immer als der wichtigste deutsche Free-Jazzer gilt. Im HAU 1 tritt er mit seinem Volle-Pulle-Projekt „Full Blast“ auf, zu dem noch der Schlagwerker Michael Wertmüller, der Bassist Marino Pliakas und am heutigen Abend auch der Saxophonist Mats Gustafsson gehören.

Wertmüller ist das Schwungrad, der Beat der Schleudertrommeln, zu dem sich Blechgebläse und elektronisches Bassgebrumme gesellen. Während Gustafsson am Baritonsaxofon die Sounds an ihre Ränder drückt und mit expressiven Zwischentönen die Verdichtungsprozesse beschleunigt, spielt Brötzmann ekstatisch. Mit zugekniffenen Augen schraubt er am Alt- oder Tenorsax wilde Glissandi in die Luft, erschöpft wie ein Bulle, der gerade eine ganze Herde bestiegen hat, aber immer weiter bläst – sich das Hirn rausbläst und den spirituellen Brennstoff in die Nähe von Grenzwerten dirigiert, bis sich in dem schäumenden Soundgewebe ein Wille artikuliert, der das Dionysische selbst noch verschlingt. Hier wird mit grimmiger Entschlossenheit eine Energie freigesetzt, die das Zerbersten formal als glücklichen Zustand feiert. Ein fundamentaler Lärm, hinter dem es aber ganz wunderbar swingt. Das Geschirr im Regal des Oberstübchens zittert. Volker Lüke

MUSIKTHEATER

Happiness is a warm gun:

Novoflot in den Sophiensaelen

Glück ist die flüchtigste Emotion. Insofern ist es konsequent, wenn die vier Protagonistinnen von Novoflots neuester Produktion „Was wir fühlen Nr. 3 Glück“ überhaupt nicht glücklich sind. Seit zwei Jahren erforscht die experimentelle Opernkompanie um Regisseur Sven Holm die Affekte, die den Wesenskern von Musiktheater ausmachen, „Angst“ und „Erschöpfung“ waren schon dran, jetzt also „Glück“ (wieder vom 11. bis 13. Februar).

Das geht in den Sophiensälen auch gleich vor die Hunde, denn der Banküberfall, der den Frauen das ersehnte Glück überhaupt erst bringen soll, scheitert, eine wird erschossen. Holm erzählt die Geschichte rückwärts und lässt die Besucher durch die Säle wandern, vermutlich um den Charakter der Spurensuche zu betonen. Was Glück ist oder sein könnte, wird bis zu diesem Zeitpunkt nicht deutlich, trotz beeindruckender künstlerischer Einzelleistungen, etwa Bini Lees scharfer und glasklarer Sopran oder der füllige Mezzo von Ceri Williams. Aleksandra Gryka hat die Komposition erst während der Proben entwickelt, die Klänge sind körperlich, rau, unmittelbar, die Musiker des Solistenensembles Kaleidoskop (Leitung: Vicente Larranaga) spielen sie mit kurzen Strichen, lassen die Saiten aufs Griffbrett klatschen, schreien selbst dazu: Da zuckt doch so etwas wie Glücksversprechen durch den Raum.

Im letzten Bild allerdings, die Ernüchterung. Die vier Frauen lernen sich hier erst kennen, reden kaum, ein Symbol des Urzustands. Holm lässt die Besucher im Raum herumstehen. Und scheint sagen zu wollen: Das wahre Leben ist die Suche. Permanentes Glück wäre nichts als langweilig.Udo Badelt

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