KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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Auch auf der Trompete kann man singen. Tine Thing Helseth. Foto: Schoneberg
Auch auf der Trompete kann man singen. Tine Thing Helseth. Foto: Schoneberg

FOLKPOP

Gottesdienst:

Iron & Wine im Berghain

Ob im Berghain tatsächlich Gratis-Kondome verteilt würden, fragt Samuel Beam ungläubig. Beim letzten Berlin-Besuch habe man ja noch in der Passionskirche gespielt. Das sei hier dann wohl die Antithese. Gelächter im ausverkauften Berghain, auch wenn nicht alle die Ansage Beams verstehen, weil der 36-Jährige aus South Carolina in seinen Walt-Whitman-Bart nuschelt. Selbiger ist zum Markenzeichen Beams, ja einer ganzen Musikrichtung geworden, deren Protagonisten sich auch optisch zurückbeziehen auf die Ursprünge des US-amerikanischen Folk in den Wäldern der Appalachen im 19. Jahrhundert. Vor rund zehn Jahren gründete Beam die Ein-Mann-Band Iron & Wine (benannt nach dem Nahrungsergänzungsmittel Beef, Iron & Wine). Mit schwerelosem Fingerpicking und gedichtgleichen Texten wurde er zu einem der Vorreiter der US-Independent-Szene und hängte seinen Job als Hochschullehrer für Filmkunde an den Nagel.

Ins Berghain hat Beam sein letztes Album „Kiss Each Other Clean“ mitgebracht, das ambitioniert opulent daherkommt, sich bei den weichen Sounds der 60er und 70er Jahre bedient. Zu acht quetscht sich seine Band auf die Behelfsbühne, und die Atmosphäre erinnert dann doch eher an einen Gottesdienst als an einen Nachtclub. So konzentriert gehen Banjospieler, Saxofonist, E-Pianist und Backgroundsängerin zu Werke, dass sich das Publikum nicht einmal zu räuspern wagt. Statt Bier trinken die Musiker Wasser, keiner raucht. Wie ein Uhrmacher lehnt der Perkussionist über seinen Glocken, sprengt Farbtupfer in die streng durchkomponierten Songs ein. Beam, Vater von fünf Töchtern, hat sein wildes Kopfhaar stutzen lassen, er trägt ein helles Jacket und gewichste Stiefel. Soll heißen: die Sache ist ernst, es geht um Poesie, ums Leben selbst: „I saw rainclouds, little babies. And a bridge that had tumbled to the ground. I saw sinners making music. And I dreamt of that sound“, singt Beam im elegischen „Walking from home“ dem stärksten Song der Nacht. Tatsächlich ist der Klang von seltener Transparenz, selbst dann wenn konventionelle Midtempo-Nummern in Lärmexperimente ausarten. Ein intimes Konzert eines emotional intelligenten Musikers und Poeten. Philipp Lichterbeck

MUSIKTHEATER

Für Liebhaber: „Nett sein kann jeder“ im Heimathafen Neukölln

Eigentlich überfällig. Da schreibt einer die Texte zu Hits, die auch heute noch in aller Munde sind, („Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder“, „Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehn“), und doch ist der Name von Robert Gilbert lange nicht so bekannt wie seine Werke. Dabei war er Berliner! Jetzt ehren drei Künstler im Heimathafen Neukölln mit der Revue „Nett sein kann jeder“ den verlorenen Sohn, der vor den Nazis emigrierte und doch die Sehnsucht nach Berlin nie verlor („Auch ein SA-Mann sitzt mit im Coupé, wer weiß, wann wir uns wiedersehn’ am grünen Strand der Spree“).

Die drei streifen Gilberts linke Vergangenheit, in der er Lieder für Hanns Eisler schrieb („Ballade vom Nigger Jim“, „Stempellied“) und erinnern an die 20 Musicals, die er nach der Rückkehr aus den USA ins Deutsche übersetzte, allen voran natürlich „Cabaret“. Peter Siche mit weißem Rauschebart in Vader-Abraham-Optik will dazu thematisch allerdings nicht ganz passen, zudem er häufig beim Singen steif bleibt – obwohl er darstellerisch mehr drauf hat, wie es etwa im „Stempellied“ aufblitzt. An stimmlicher Sicherheit läuft ihm seine Partnerin Jalda Rebling den Rang ab. Klaus Schäfer unternimmt allerhand, um auch vom Piano aus mit vollem Mimikeinsatz dabei zu sein. Ein engagierter, zarter, aber letztlich auch braver Liebhaber-Abend, der sich sehr auf die Popularität der Lieder verlässt, aber darüber hinaus wenig macht aus den Geschichten, die Gilberts pralles Künstlerleben bietet. In dem Stoff steckt mehr Musik drin. Udo Badelt

KLASSIK

Kreatürlich: Tine Thing Helseth

im Otto-Braun-Saal

Ihrer Kollegin Alison Bolsom ähnelt sie bis in die blonden Haarspitzen. Doch irgendwie wirkt Tine Thing Helseth noch ein bisschen unbekümmerter und lässiger als die britische Pionierin in der Männerdomäne Trompete. Die „Sonatine“ von Bohuslav Martinu profitiert davon mit frechen, locker herausgeschleuderten Rhythmen. Überhaupt zeigt sich die 22-jährige Norwegerin technisch mit allen Wassern gewaschen. Kraftvoll bläst sie sich durch die Sonate für Trompete und Klavier von Paul Hindemith. Doch vor allem besticht Helseths Sinn für Gesanglichkeit. Kantilenen erfüllt sie mit großem lyrischen Atem, kann ihnen, in souveräner Beherrschung zarter Piano-Nuancen, manchmal ein leicht nasales, fast oboenhaft-pastorales Timbre geben. So macht sie das Solostück „Here“ ihres Landsmannes Rolf Wallin zum kreatürlichen Ruf in unendlichen nordischen Weiten. „Légende“ von George Enescu dagegen ist ganz romantisches Drama in rasant sich steigernden melodischen Bögen.

Mit differenzierter Gestaltung seines virtuosen Parts hat Klavierpartner Harald Gimse daran entscheidenden Anteil. In drei Klavierstücken von Edvard Grieg nach eigenen Liedern kann der Norweger, der hier an der Universität der Künste studierte, sein ganzes reiches Potenzial entfalten, mit stupender Anschlagskunst Farben und Atmosphären wie aus dem Nichts hintupfen. Dem melodisch eher schlichten Grieg-Zyklus „Haugtussa“ (in einer Fassung für Trompete und Klavier) gibt er mit delikater Figuration erst das richtige Flair, und in Manuel de Fallas „Siete canciones populares españolas“ heizt das perfekte Duo mit rhytmischem Drive die Stimmung im Otto-Braun Saal schon mal vor, die dann nach zwei Astor-Piazzolla-Zugaben förmlich überkocht. Isabel Herzfeld

AVANTGARDE-POP

Schöne, fremde Welt:

Glasser im Comet Club

Als Leser von Musikmagazinen dachte man bisher, Glasser wäre gleichbedeutend mit Cameron Mesirow, der Tochter einer New-Wave-Musikerin und eines Mitglieds der Blue Man Group. Im schütter gefüllten Comet Club wirkt Glasser jedoch wie eine Band mit einer exzentrischen Sängerin als Epizentrum. Die junge Kalifornierin stellt ihr Debütalbum „Ring“ vor: neun Songs, eine knappe Dreiviertelstunde, mehr geht noch nicht. Muss aber auch nicht, denn das Gebotene ist brillant.

Begleitet von drei jungen Herren in Overalls, die nach Resteverwertung von Muttis alten Wohnzimmervorhängen aussehen, stöckelt sie als Cyber-Geisha auf Keilabsätzen herum, was ihren Bewegungen etwas Straußenhaftes verleiht. Ihr Gesang hat die Schrillheit der frühen Björk (minus Akzent), aber sie ist nicht auf das Emblematische ihrer Stimme angewiesen. Stärker als auf Platte lässt sie sich vom Strudel einer Musik mitwirbeln, die sich beim Entstehen neu zu erfinden scheint. So kommt die rhythmische Wucht der Songs besser zum Tragen, wenn man sieht, wie der Schlagzeuger auf sein elektronisches Drumkit einprügelt und dabei vom Keyboarder unterstützt wird. Der Gitarrist hingegen verfremdet den Klang seines Instruments, bis es wie ein afrikanisches Fingerklavier plinkert oder wie ein Meeressäuger wehklagt. Es entstehen exotische, nie plakative Soundkonglomerate, die manchmal an den Tribal-Funk der späten Talking Heads oder die Folk-Stammesgesänge von Yeasayer erinnern. Beim abschließenden Hit „Mirrorage“ entwickelt das eine Eindringlichkeit, die auf ein baldiges Wiedersehen mit der furchtlosen Klangforscherin und ihren anonymen Helfern hoffen lässt.Jörg Wunder

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