KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

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Latif Yahia (Dominic Cooper) wird als Udai Husseins Double engagiert. Foto: S. Silbermann
Latif Yahia (Dominic Cooper) wird als Udai Husseins Double engagiert. Foto: S. Silbermann

PANORAMA

Brüllkomödie über Berlusconi:

„Qualunquemente“

Wer Italien liebt, leidet. Und das Leiden wird schlimmer und schlimmer, denn die Liebe höret bekanntlich nimmer auf. Italienische Filmemacher leiden auf zweierlei Weise: Entweder drehen sie spektakuläre Leidensfilme über die Zustände in ihrem Land wie „Il Divo“ und „Gomorrha“, oder sie ertüfteln verzweifelt böse Komödien über das dummdreistdicke B, das ihr Land seit Jahren verschlingt. Die aktuelle Nummer 1 der italienischen Kinocharts, Giulio Manfredonias „Qualunquemente“, therapiert die Heimat mit einer Brüllkomödie: Teigiger Mafioso namens Qualunque – etwa: Herr Irgendwer – kehrt nach Knast und vier Jahren Südamerika mit schokobrauner Brasilianerin plus gemeinsamem Kind nach Kalabrien zurück zu keifender Ehefrau und verweichlichtem Sohn und wird mit allen schmutzigen Tricks Bürgermeister und demnächst vielleicht Staatspräsident. Cetto Qualunque ist reich, korrupt, schwanzfixiert, banal, brutal, mit anderen Worten: für italienische Verhältnisse unaufhaltsam. Bonbonbunt und garantiert inhaltsleer bleibt seine Welt aus Whirlpools, SUVs und Backstage-Puppen, er ruft auf Kundgebungen „Applaus!“, wenn er sich witzig findet, und die Leute wählen ihn! Antonio Albanese, der auch das Drehbuch schrieb, spielt den satirischen Doppelgänger Berlusconis supereitel, rotzfrech und dauerfortissimo. Das ist erst lustig. Dann grausam. Aber konsequent. Jan Schulz-Ojala

Heute 10 Uhr (Cinemaxx 7); 12. 2., 20.15 Uhr (Cinestar 3); 13. 2., 22.45 Uhr (Cubix 7/8); 19. 2., 17 Uhr (International); 20. 2., 14 Uhr (Cubix 9)

PANORAMA

Tschetschenische Elegie:

„Barzakh“

Ein Film über die Abwesenheit. Über verschwundene Väter und Söhne, über die Frauen, die mit billigem Kugelschreiber Petitionen zu Papier bringen, die zermürbt sind vom Nachforschen und vom Ausharren in der Ungewissheit. Seit sechs Jahren und sieben Monaten hat eine Frau keine Nachricht von ihrem Mann, Allah und die Wahrsagerin können auch nicht helfen. Echo des Tschetschenienkriegs, Willkür der Armee, die Menschen verschleppt und alle drangsaliert, die nach ihnen suchen. Die Spuren des Kriegs sind in die Gesichter eingraviert, zerstörte Gegend, zerschossene Häuser. Man feiert Hochzeit, die Soldaten schießen in die Luft, das Leben geht irgendwie weiter. Einer ist zurückgekehrt, sie haben ihm ein Ohr abgeschnitten, er zeigt das Blut, das noch an den Wänden des Folterkellers klebt, der war im Gehörlosen-Kindergarten, ausgerechnet. Die Stätte der Gräueltaten zeigt der litauische Regisseur Mantas Kvedaravicius erst ganz am Schluss. Zu Beginn sieht man den Wald, ein unscharfes, impressionistisches Bild. Immer wieder das Murmeln der betenden Frauen, das Wasser des Sees unter der Eisdecke. Chiffren der Empathie: Wenigstens die Bilder schenken den geschundenen Seelen Augenblicke der Poesie. Christiane Peitz

Heute 17 Uhr (Cinestar 7); 12. 2., 12 Uhr (Cinestar 7); 13. 2., 15.30 Uhr (Colosseum 1); 18. 2., 20 Uhr (Cinestar 7)

PANORAMA

Nachtleben ist Nacktleben:

„The Devil’s Double“

Wenn Saddam Hussein mit seinem Double Tennis spielt, ist das einer der wenigen amüsanten Momente in diesem durch und durch ärgerlichen, ordinären, kunstlosen Film des Neuseeländers Lee Tamahori, der mit „Mulholland Falls“ (1996) und dem Bond-Film „Die Another Day“ (2002) zumindest bewiesen hat, dass er’s mal besser konnte. Vielleicht liegt es aber auch an dem unerfreulichen Sujet, dass „The Devil’s Double“ so ein schlechter Film geworden ist – denn wer mag schon allen Ernstes mit dem gedungenen Doppelgänger des missratenen ältesten Saddam-Sohnes Udai fühlen? Zwar hat Tamahori ihn zu einer Art Märtyrer im einsamen Kampf gegen den marodierenden Herrscherspross stilisiert. Das hindert ihn jedoch nicht daran, dessen widerliche Praktiken der Vergewaltigung, Folterung und Tötung visuell zu zelebrieren, und, was besonders geschmacklos ist, diese mit Szenen des dekadenten Nacht- und Nacktlebens Udais zu konterkarieren. Das Panorama-Programm ist thematisch wie ästhetisch diesmal ausgesprochen spannend. „The Devil’s Double“ aber ist in jeder Hinsicht ein Missgriff. Daniela Sannwald

Heute 21 Uhr (Friedrichstadtpalast); 12. 2., 13.30 Uhr (Cinemaxx 7); 13. 2., 17 Uhr (Cubix 9); 15. 2., 17 Uhr (Cubix 9); 19. 2., 22.30 Uhr (Cubix 7/8)

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