KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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KLASSIK

Im Erblühen: Simon Rattle und Stefan Dohr mit den Philharmonikern

Das Thema Lotos: Es verbindet die Gedankenwelt des Komponisten Toshio Hosokawa aus Hiroshima mit der seines Berliner Lehrers Isang Yun. Hosokawa hat der geheimnisvollen Blume des Ostens bereits mehrere Kompositionen gewidmet und nun das Hornkonzert „Moment of Blossoming“, das den Vorgang des Erblühens ausmalt, als Auftragswerk der Berliner Philharmoniker geschrieben. Stille liegt über dem Chaos, bevor die Knospe an das Sonnenlicht drängt und zum Juwel auf der Oberfläche des Wassers wird: der Lotos in seinem Teich. Aus dem Nichts, wie der Komponist die Anfänge liebt, kommt der Klang, enge Lage, Fläche mit schmalem Ambitus. Entwicklung aus dem Keim, was ist Ton, was Echo? Fernorchester antworten. Mit gedämpftem Solo hebt Stefan Dohr an, Widmungsträger des Werkes, um mit Atem und Einfühlung von der Blüte zu singen, die sich schließlich dramatisch öffnet. Zu hören ist gleichsam ein Schöpfungsakt, Zauber der Natur, so fein auskomponiert und vom Solohornisten der Philharmoniker gespielt, dass der Beifall brandet.

Gerahmt wird die Uraufführung mit der Londoner Sinfonie Es-Dur von Haydn und der „Großen“ C-Dur von Schubert, deren Wonnen bei den Philharmonikern mit der Melodie der beiden Hörner in der langsamen Einleitung beginnen. Simon Rattle hält den Klang so rauschend wie transparent, indem er etwa einen Themeneinsatz der zweiten Violinen umhegt. In Harmonie mit dem Orchester betont seine Interpretation die Freude daran, dass die Musik immer wieder gar nicht aufhören will. Sybill Mahlke

POP

Großer, verkünstelter Glamrock:

Twin Shadow im Magnet Club

Das Tolle an Konzerten ist ja, dass aus dem „Ich“ vieler zeitgenössischer Studioproduktionen beinahe zwangsläufig – wenn es sich nicht um besessene Alleinunterhaltertypen handelt – ein „Wir“ wird. So auch bei Twin Shadow: Das ist live eben nicht nur George Lewis Jr., ein charismatischer Hipster aus Brooklyn mit karibischen Wurzeln und halbseitig abrasierter Afrotolle, dessen im Alleingang aufgenommenes Debüt „Forget“ eine der besten Platten des letzten Jahres war. Stattdessen steht im knüppelvollen Magnet Club eine vierköpfige Band auf der Bühne, neben Lewis ein Bassist mit spargeldürrem Postpunk-Habitus, eine energisch-gleichmütige Keyboarderin und ein Schlagzeuger mit Samurai-Schopf, den er zu seinem hyperaktiven Geklöppel kreisen lässt. George Lewis Jr. singt nicht nur wie die idealtypische Kreuzung aus dem jungen Morrissey und dem noch jüngeren Edwyn Collins, also wie zwei der schönsten britischen Stimmen der frühen Achtziger. Er spielt zudem beherzt quietschende Gitarrensoli, die den zwischen weißem Funk, verkünsteltem Glamrock und melancholischem New Wave kreiselnden Songs noch schärfere Konturen verleihen.

Großes Hallo, als er „Castles In The Sand“ seinen Schwestern widmet, „who all live in Berlin“: Scheinen komplett anwesend zu sein und tanzen nun noch begeisterter zu Brüderchens mitreißender Show. Lange Gesichter dagegen, als sich Twin Shadow nach vierzig Minuten schon verabschieden wollen. Doch sie haben zwei ihrer besten Stücke als Zugabe aufgespart: „At My Heels“ ist ein sagenhaft schöner Gitarrenschrapper, der nahtlos in das krönende „I Can’t Wait“ übergeht, bei dem sich die vier zwischen melodischem Sternenstaub und schäumendem Lärm zum rauschenden Finale aufschwingen. Großer Pop entsteht eben am besten im Kollektiv. Jörg Wunder

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