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KLASSIK

Ohne Rattle: Anna Prohaska und die

Philharmoniker im Kammermusiksaal
Selbst für die Berliner Philharmoniker ist es nicht immer einfach, den eigenen Kammermusiksaal mit Publikum zu füllen. Da kommt Unterstützung vom Chef gerade recht. Mit Simon Rattle ist auch ein kammermusikalischer Abend zwischen Schubert, Mahler und Schönberg flugs ausverkauft. Das Überraschende aber ist, dass die freudige Erwartung nicht verfliegt, wenn der Intendant kurz vor Konzertbeginn das Podium betritt und bekannt gibt, dass Rattle wegen Erkrankung nicht auftreten kann. Ohnehin hätte er nur eines von vier Werken dirigiert, Schönbergs Kammersymphonie Nr. 1.

Auf der Suche nach einem Einspringer werden die Philharmoniker unter ihren nebenbei dirigierenden Orchesterkollegen fündig. Flötist Michael Hasel nimmt mit Elan am Pult Aufstellung und sorgt dafür, dass Schönberg flott aus 15 Soloinstrumenten strömt und opulent in den Saal brandet. Kann es ein zu viel an individueller Klangmacht geben? Für ein analytisches Hören, das auf Strukturen lauscht, auf jeden Fall – für ein kulinarisches wohl auch. Die Philharmoniker, allen voran Guy Braunstein, der erste Konzertmeister, lassen niemanden hungern. Kein Zagen in Schuberts fragmentarischem c-moll-Quartettsatz, dafür sattes Seelendrama. Mahlers wiederentdecktes Jugendwerk, ein Klavierquartettsatz in a-moll, schwelgt in pathetischer Spätromantik. Anna Prohaskas runder Sopran passt da gut in die reichhaltige Zurichtung von Schönbergs händeringendem 2. Streichquartett. Selten hört man Klagen auf so luxuriösem Niveau. Ulrich Amling

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Erglüht: Cornelius Meister dirigiert den Grammy-Gewinner DSO

Als es nach 35 Minuten vollbracht ist, kann Cornelius Meister die Freude nicht verbergen. Das Deutsche Symphonie-Orchester, das am Sonntagabend in Los Angeles mit einem Grammy ausgezeichnet wurde (siehe S. 28), hat Meisters Vorhaben in der Philharmonie leidenschaftlich umgesetzt – mit Entdeckungsfreude und Disziplin. Dem viel zu selten gespielten tschechischen Komponisten Bohuslav Martinu will Meister zu mehr posthumem Ruhm verhelfen. Das zeigen die Programmschwerpunkte seines Radio-Symphonie-Orchesters in Wien und das zeigt an diesem Abend in der Philharmonie sein unbändiges Glühen für die erste Symphonie, die Martinu 1942 im amerikanischen Exil schrieb. Da sind die in Synkopen getränkten Themen des Kopfsatzes, die Wechselnotenmotivik, die Meister (ohne Partitur!) wie Fäden aus dem Klangmeer des DSO herauszieht; da sind die rhythmisch-tänzerischen Ekstasen des Allegro, und vor allem ist da das wunderbar erdrückend gespielte Largo, das dieser vielschichtigen, traditionsgeladenen und dennoch vorausschauenden Musik seinen emotionalen Stempel aufdrückt.

Gut, dass die erste Konzerthälfte die Sinne weniger belastet. Zwar zeigt das DSO schon bei Liszts symphonischer Dichtung „Orpheus“, dass es in Zusammenarbeit mit Meister harmonische Farben bis ins Detail auskosten und gleichzeitig kammermusikalische Contenance behalten kann – bei Haydns Trompetenkonzert stellt es sich danach aber auf angenehme Weise selbst in den Schatten. Der weiche Ansatz und die lyrische Phrasierung von Håkan Hardenberger verlangen das auch – sucht sein Spiel doch vor allem das Subtile bei Haydn. Das findet sich im straffen Kopfsatz nicht immer, dem Andante aber entlockt Hardenberger mit diesem nachdenklichen Ansatz herzensweiche Kantilenen. Daniel Wixforth

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