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WETTBEWERB

Unter den Pinien von Argentinien:

„Un mundo misterioso“

Muss es denn immer um irgendetwas gehen? In einer Schlüsselszene von Rodrigo Morenos „Un mundo misterioso“ warnt ein Buchhändler den Helden Boris vor einem Roman: „Der Autor verliert sich in Details, die Handlung wird nebensächlich.“ Und was passiert am Ende? „Absolut gar nichts.“ Ähnliches lässt sich über diesen Film sagen. Boris (Esteban Bigliardi) wird von seiner Freundin Ana (Cecilia Rainero) beim Aufwachen eröffnet, dass sie „ein bisschen Zeit für sich“ brauche. Wie lange? „Ich weiß nicht.“ Zwei Tage oder zwei Monate? „Keine Ahnung.“

Boris und Ana treffen sich im Lauf des Films dann doch ein paar Mal, haben sich aber kaum etwas zu sagen. Er zieht in ein schäbiges Hotelzimmer, verwahrlost zusehends und anstatt seine neue Freiheit zu genießen, schlägt er die Zeit tot, indem er Frauen verfolgt, die ihm im Bus aufgefallen sind. Mit Hornbrille und Locken erinnert Bigliardi an den Unglücksraben Woody aus frühen Allen-Filmen. Manche Dialoge entfalten einen ähnlich grotesken Humor, etwa wenn Boris einen Schulfreund wiedertrifft und ihn fragt, ob er immer noch bei seinen Eltern lebe. „Nein, die leben jetzt bei mir.“ Was der Unterschied sei? „Sie schlafen nun in dem Zimmer, das früher mir gehörte.“

Noch mehr ist dieser Boris aber ein Nachfahre von Monsieur Hulot, dem stoischen Antihelden Jacques Tatis . Auch er hat immer wieder mit den Tücken der Technik zu kämpfen und entfaltet dabei ein beträchtliches Slapstick-Potenzial. Bei einer Überlandfahrt bleibt der Scheinwerfer mitten in einem Gewitter direkt im Sichtfeld des Fahrers stehen. Wohin die Reise gehen soll, bleibt unklar, wie es auch zu den Rätseln von „Un mundo misterioso“ gehört, womit Boris, der von der Kamera fast wie in einem Dokumentarfilm begleitet wird, seinen Lebensunterhalt verdient. 2006 war der Argentinier Moreno bei der Berlinale mit dem lakonischen Leibwächter-Porträt „El Custodio“ dabei. Inzwischen sind sein Stil und sein Humor noch etwas trockener geworden. Am Ende, nach mehr als 100 Minuten, sitzt Boris wieder im selben Bett wie am Anfang und hört mit Ana einen Tango-Schlager. Dieses Paar mag die Zeit der Leidenschaft hinter sich haben, aber vor ihm liegt – anders als in Miranda Julys Trennungs-Tragikomödie „The Future“ – noch eine lange Zukunft. Christian Schröder

Heute 15 Uhr (Friedrichstadtpalast) und 20 Uhr (Urania); 20.2., 20 Uhr (Berlinale Palast)

FORUM

Bargeldbündel in Beton:

Volker Sattels „Unter Kontrolle“

Man glaubt es kaum, aber zu den berückendsten Ereignissen dieses Festivals gehört eine stille Dokumentation über Atomkraftwerke. „Unter Kontrolle“ ist ein 98 Minuten-Film, der formal vollkommen ruhig und aufgeräumt daherkommt – und den Zuschauer dennoch in ein wildes Wechselbad der Gefühle stößt.

Da ist zum Beispiel die Faszination: Wenn die Kamera sanft dahingleitet und in eleganten Fahrten und Schwenks die Architektur der Atomkraftwerke in Grohnde oder Gundremmingen einfängt, gehen einem schier die Augen über. In diesen Momenten erinnert „Unter Kontrolle“ an die serielle Industriefotografie von Bernd und Hilla Becher, die ihren staunenden Blick ja auch auf eine aussterbende Technik gerichtet haben.

Oder das Gefühl der Schönheit. Immer wieder hält Regisseur und Kameramann Volker Sattel (Jahrgang 1970) in symmetrischen Cinemascope-Bildern die Inneneinrichtung der menschenleeren, blinkenden Kontrollräume fest oder filmt in extremen Auf- und Untersichten in die Kühltürme hinein. Hätten sich der Fotograf Andreas Gursky und der Filmarchitekt Ken Adam für einen Bildband zusammengetan – so würde er wohl aussehen.

Die Faszination für die Nukleartechnologie und ihre Architektur dürfte jedem Atomlobbyisten ideologische Freudenjauchzer entlocken. Doch gerade als man dem Film seinen Ästhetizismus vorwerfen möchte, schiebt Volker Sattel leise anklagende Szenen ein, die ein bang-beklemmendes Erhabenheitsgefühl provozieren: Die aberwitzig langen Halbwertzeiten der radioaktiven Restsubstanzen sind mit dem gesunden Menschenverstand einfach nicht zu begreifen. So fühlt sie sich vermutlich an: die Unendlichkeit der Zahlen und der Zeit.

Und befällt den Zuschauer nicht an manchen Stellen auch ein Schwindel der Absurdität? Wenn Volker Sattels Interviewpartner am Ende klarmachen, wie viel Geld in den Schnellen Brüter von Kalkar geflossen sind, kann man nur den Kopf schütteln. Es ist, als wären Berge von Bargeldbündeln direkt in Beton gegossen worden. Heute dreht sich im Kühlturm ein Kettenkarussell; auf der Milliardengrabplatte einer hier bereits toten Technik steht ein Vergnügungspark. Da paart sich Nostalgie mit Ironie – und die Geschichte kippt um in die Farce. Julian Hanich

Heute 19.15 Uhr (Cinestar 8); 19. 2., 17.30 Uhr (Arsenal 1); 20. 2., 20 Uhr (Cubix 9)

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