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Einmal im Monat besucht Elsa (Luli Bitri) ihren Mann im Knast – und lernt dort einen anderen kennen. Foto: Berlinale
Einmal im Monat besucht Elsa (Luli Bitri) ihren Mann im Knast – und lernt dort einen anderen kennen. Foto: Berlinale

FORUM

Sehnsucht im Gefängnis:

„Amnistia“ aus Albanien

Es ist immer ein ganz besonderes Kinoglück, ein bisher unbekanntes Filmland neu zu entdecken und damit auch die dazugehörigen Gesichter, Farben, Geräusche und Lichtstimmungen. Völlig filmfremde Territorien gibt es in Europa selbstverständlich nicht mehr. Doch ist etwa Albanien cineastisch immer noch eher unberührtes Terrain – jedenfalls für Nicht-Spezialisten. Dorther kommt „Amnistia“, das Spielfilmdebüt des albanischen Regisseurs Bujar Alimani, der seine ersten Filmerfahrungen allerdings im benachbarten Griechenland gemacht hat.

Die Geschichte, die er erzählt, ist traurig, sie handelt von ganz normalen Menschen, die neben dem harten Kampf ums ökonomische Überleben auch noch mit der patriarchalen Moral in Konflikt geraten. Im Zentrum stehen Elsa und Shpetim, die beide nicht aus Liebe mit ihren jeweiligen Partnern verheiratet sind. Jetzt sitzen diese im Gefängnis, beim monatlichen Sex-Besuch dort lernt man sich fast zufällig kennen. Dann wird schnell mehr daraus. Doch die Verhältnisse sind zu eng, um unbemerkt zu bleiben.

Bei einigen jungen Filmemachern ist es derzeit angesagt, mit Verachtung auf die handwerklichen Seiten des Filmemachens zu schauen. Alimani, Jahrgang 1969, ist nicht nur in dieser Hinsicht ganz Old School. Hier ist jede Einstellung wie für die Ewigkeit bedacht, manche Bilder sind wie in Film gegossene Gemälde und auch der Plot ist straff durchkonstruiert. Vielleicht ein bisschen zu straff für die, die Spontaneität im Kino lieben. „Amnistia“ ist so rund und schön wie ein wiederauferstandener Filmkunstfilm aus den späten siebziger Jahren. Die albanischen Farben übrigens: viel Beige, Holztafelbraun und Dunkelrot. Aber vielleicht ist das ja auch nur Alimanis Geschmack. Silvia Hallensleben

Heute 21.30 Uhr (Delphi)

PANORAMA

Verzweiflung im Exil:

„Dance Town“ aus Korea

Das Schicksal von Flüchtlingen in aller Welt ist eines der Hauptthemen der Berlinale. Angesichts der sehr verschiedenen Filme wird ganz deutlich, aus welchen Gründen Menschen ihre Heimat verlassen, und warum sie es da, wo sie hingehen, nicht unbedingt besser haben. Jedenfalls erfordert die Migration, ob mehr oder weniger freiwillig, hohe Anpassungsleistungen, auch wenn die Sprache kein Problem ist, so wie in dem koreanischen Exilfilm „Dance Town“.

Er erzählt von der Ankunft der Nordkoreanerin Rhee in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul, wohin sie mit einem chinesischen Schiff fliehen konnte, nachdem ihr Mann in Pjöngjang mutmaßlich verhaftet wurde. Er ist Kaufmann und hatte von seinen Reisen nach China gelegentlich Kosmetikartikel und Pornofilme mitgebracht, die das Ehepaar gemeinsam anguckte, bis neidische Nachbarn sie verrieten.

Jetzt ist Rhee allein in Seoul, das für die Flüchtlinge aus dem feindlichen Nachbarland Appartements, Startgeld, riesige Fernseher und Sozialarbeiter zur Verfügung stellt. Neben der professionellen Zuwendung finden kaum soziale Interaktionen statt. „Dance Town“ ist ein Film über das allgegenwärtige Gefühl der Fremdheit, das Rhee angesichts des Alltagslebens in Seoul ergreift, über ihre Einsamkeit und Sehnsucht nach dem geliebten Mann, dessen Verbleib ungewiss ist. Anfangs apathisch, beginnt sie, sich langsam zu öffnen, findet Arbeit, schließt Bekanntschaften und rettet einem suizidalen Nachbarn das Leben. In ihrer Wohnung hat die Einwanderungsbehörde Überwachungskameras installiert. Man will wohl wissen, wie die Neuankömmlinge die staatlichen Gelder ausgeben.

Wunderbar mühelos visualisiert Regisseur Jeon Kyu-hwan die Verzweiflung: Sie findet sich im langsamen Schälen eines Apfels, in Aufsichten auf die Möblierung einer seelenlosen Wohnung, in einer nächtlichen Suff- und Sexszene, im parallel erzählten Schicksal einer schwangeren Teenagerin. Und dann erreicht Rhees eines Tages ein Anruf ihres chinesischen Fluchthelfers. Er hat schlechte Nachrichten. Daniela Sannwald

Heute 20.15 Uhr (Cubix 7/8)

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