KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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THEATER

Ausbeutung: Horváths „Bergbahn“ an der Volksbühne

Tapfer, wie sehr sich die Volksbühne mit ihrer eigenen Vergangenheit, mit sich selbst beschäftigt. Nachdem Hausherr Castorf vor einigen Monaten Mehrings „Der Kaufmann von Berlin“ ausgegraben hat, weil die Vorkriegshandlung des Stücks im Volksbühnen-Kiez angesiedelt ist und die Premiere einen Skandal provozierte, hat nun der junge Regisseur Andreas Merz das zu Recht vergessene frühe Ödön-von-Horváth-Stück „Die Bergbahn“ im dritten Stock inszeniert, nur weil Horvath den Text Ende der zwanziger Jahre persönlich der Volksbühne anbot und behauptete, er sei Bergarbeiter. Was gar nicht stimmte. So wie die Volksbühne mit ihrer Stückwahl wollte eben auch der Diplomatensohn Horváth nur ein bisschen Authentizitäts-Glamour in die Sache bringen.

Etwas aufgesetzt wirkt das Engagement schon: Arbeiterausbeutung beim Bau der Zugspitz-Bergbahn. Während die da unten oben am Hang für ein paar Pfennige und zum Ruhm eines ehrgeizigen Ingenieurs malochen, lässt sich der ausbeuterische Direktor von der Vroni leckere Koteletts zubereiten. Ein Aufstand wird geplant. Es fallen Schüsse, Tote gibt es auch. An den Zuständen ändern tut sich freilich nix. Ernst nehmen kann man diese Gebirgsklischeekameraden nicht – das weiß auch der Regisseur. Andreas Merz lässt durchschreien, und zwar in einem feschen Kunsttirolerisch. Dazu muss Frank Büttner als Berliner Friseur Schulz eine strohige Perücke tragen und Mex Schlüpfer gibt den Ingenieur als lustige Mischung aus Blixa Bargeld und John Wayne. Fünf amüsante selbstbezügliche Volksbühnenminuten – der Rest ist Monotonie des Immergleichen. Andreas Schäfer

KLASSIK

Ping Pong: Simon Rattle dirigiert die Philharmoniker mit Christine Schäfer

Man muss lange zurückdenken, um sich an einen Abend zu erinnern, an dem die Berliner Philharmoniker seltener Blickkontakt zu ihrem Chef suchen. Wenn mal ein Musiker aufsieht von seinen Noten, dann um mit Kollegen Blicke von Pult zu Pult zu wechseln. Sir Simon sucht dagegen nach seiner Rolle als Inspirationsquelle. Bis auf einige Rattle-typische Zuspitzungen und vereinzelte Versuche, sophisticated Ping Pong mit seinem Orchester zu spielen, ist nur schwer zu erahnen, wohin die Reise geben soll – und das kurz vor einer kräftezehrenden Tournee.

Für Strawinskys Ballett „Apollon musagète“ in seinem neoklassischen Streichergewand weben die Philharmoniker einen samtenen, mit Goldfäden durchzogenen Stoff. Prachtvoll anzusehen, doch zu schwer, um darin zu tanzen. Rattles Dirigat fehlt die Antenne für erotische Spannung und so verebbt die Philharmoniker-Klangwelle. Auch zu Mahlers Vierter findet Sir Simon kurz nach der fulminanten Aufführung der 3. Symphonie nur mühsam einen Weg. Wenig Himmel ist zu sehen, während das Ausreizen von Mahlers langsamen Tempoangaben eher den Charme einer Versuchsanordnung hat, anstatt – im Wortsinne – das Zeitliche zu segnen. Da wirkt Christine Schäfers fokussierter Sopran wie ein Licht am Ende des Tunnels, während das von ihr besungene „himmlische Leben“ Chimäre bleibt. Ulrich Amling

THEATER

Therapiert: Die DT-Box zeigt

„Das Jahr magischen Denkens“

Joan Didion schreibt in ihren Memoiren „Das Jahr magischen Denkens“ über die Lasten, die ihr das Dasein aufbürdete, und macht aus dem poetischen Bericht einen Monolog für das Theater: Seit 40 Jahren leben die Drehbuchautoren Joan und John zusammen. Sie haben Erfolg, sie lieben ihre Tochter. Ein Idyll? John stirbt kurz vor Sylvester an einem Herzinfarkt. Quintana, die Tochter, ist mit einem Lungenleiden, dann mit einer Gehirnblutung Intensivstationen ausgeliefert, bis auch sie stirbt. Joan muss diese Schläge allein verarbeiten, und sie versucht es in einem Angriff auf die Wirklichkeit. Durch die Flucht ins „magische Denken“, durch das Suchen nach Geborgenheit, durch das Messen von Trauer, will sie zu den Wahrheiten vordringen. So erzählen es die Memoiren, so erzählt es der Dialog, in dem philosophische Überhöhung im Streit steht mit besessen aufgeführten Details therapeutischer Bemühungen.

In der Box des Deutschen Theaters spielt Barbara Schnitzler den schwierigen Text aus einer großen Ruhe heraus (wieder am heutigen Sonnabend und am 23. März). Sie bezieht die Zuschauer ein in das quälende Nachdenken über das Unbegreifbare endgültiger Abschiede. Nur selten bricht sich die Erinnerung an die Schäbigkeiten des Alltags Bahn, und dann zeigt Barbara Schnitzler rasende Wut. Aber sie gibt ihrer Joan auch eine Ironie, die Möglichkeiten zur Lebensbejahung offen lässt. Inszeniert hat das Spiel Gabriele Heinz (Bühne: Hans-Jürgen Nikulka) und es ist zu spüren, dass hier zwei Schauspielerinnen eine lange künstlerische Partnerschaft nutzen, um zu berührender Wahrhaftigkeit vorzustoßen. Christoph Funke

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