KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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KLASSIK

Zauberflötentöne: Emmanuel Pahud bei der Kammerakademie Potsdam

Zwei Seelen schlugen in ihrer Brust: 2001 bekamen die Musiker des Berliner „Ensemble Oriol“ den Zuschlag, als ein Ersatz für das abgewickelte Sinfonieorchester von Potsdam gesucht wurde. Unter dem Namen „Kammerakademie Potsdam“ bespielen sie seither den dortigen Nikolaisaal sowie das Schlosstheater im Neuen Palais. Und zwar so erfolgreich, dass sie mittlerweile auch in Berlin als „Kammerakademie“ auftreten. Vor allem auf dem Gebiet der historischen Aufführungspraxis hat die Formation einen so guten Ruf, dass sie jetzt für zwei Programme den britischen Alte-Musik-Star Trevor Pinnock gewinnen konnte.

Bevor am 28. Februar im Kammermusiksaal der Philharmonie Werke von Händel, Benda, Telemann und C. P. E. Bach auf dem Programm stehen, widmete man sich am Sonnabend in Potsdam Joseph Haydn sowie – mit Emmanuel Pahud von den Philharmonikern als Solisten – einem Flötenkonzert von Johann Joachim Quantz, dem Hofkomponisten Friedrichs II. Pinnock wie Pahud hatten sich sogar bereit erklärt, zuvor beim nachmittäglichen Kinderkonzert aufzutreten. Zwischen den Mitmachaktionen des Moderators Stephan Holzapfel brillierte Pahud mit Eleganz und reinem Ton, unterstützt von der Kammerakademie. Das Vergnügen ging allerdings flöten in einem Saal voller Zappelphilippe, Handyfummler und Plapperer, deren Eltern nicht verstehen, dass der schönste Lohn des Künstlers nicht der Applaus ist, sondern die Aufmerksamkeit. Frederik Hanssen

THEATER

Al dente: Das Theater an der Parkaue zeigt „Das Gespenst von Canterville“

Virginia, das Mägdlein, hat vom Gespenst erfahren, was das Leben ist und was der Tod bedeutet und warum die Liebe stärker ist als beide. Das kann Milan Peschel, Regisseur einer Theaterfassung der Oscar-Wilde-Erzählung „Das Gespenst von Canterville“, nicht auf sich sitzen lassen. Liebe? Erlösung durch Reinheit und Unschuld? Da muss man genauer hinsehen. Also steht das Gespenst auf der Bühne des Theaters an der Parkaue wieder auf (erneut am heutigen Montag, 10 Uhr, am 13. 3., 16 Uhr sowie am 15. 3., 10 Uhr). Und zwar als Vampir. Es gibt, die Gebisse klappern, blutigen Nachtisch für alle Schlossbewohner. Den Jungs und Mädchen (Alter 10+) macht’s Spaß, denn das Beißen ist ja gerade in Mode.

Peschel haut kräftig rein, er lässt laut spielen, lässt es donnern, scheppern und schreien, treibt Schabernack. Erst herrscht tuchverhüllte Enge, dann tut sich der schwarze Schlund der Bühne (Moritz Müller) auf. Allerdings bleibt die Inszenierung das zart Ironische der Vorlage schuldig. Davon, dass Wilde einen Hauch Wunderbares gegen blasierten Positivismus verteidigt, ist kaum noch etwas zu spüren. Es war die Idee des Erzählers und Dramatikers, ein Gespenst gegen sich selbst antreten zu lassen, bis es sich eine geheimnisumwitterte Erlösung erringt und ein Mädchen glücklich macht. Im Theater an der Parkaue wird das abgetan, aber das Ensemble spielt mit Lust, auch über dramaturgische Tücken hinweg. Christoph Funke

MUSIKTHEATER

Gefangen im Netz: „Changemakers“ in der Neuköllner Oper

Wir leben im Netz. Immer mehr organisieren wir virtuell, und selbst wenn wir offline gehen, bleiben wir mental online. Da ist jeder Versuch, das Internet selbst zum Gegenstand der Kunst zu machen, hochwillkommen. An der Neuköllner Oper tun das jetzt die tschechischen Brüder Jiri Adámek (Text und Regie) und Ondrej Adámek (Musik) mit dem Vokalspiel „Changemakers“. Dabei handelt es sich um ein nach Facebook modelliertes soziales Netzwerk, dessen User den Planeten vor einer Öko-Katastrophe retten wollen. Soweit zum Plot – er ist längst nicht so wichtig wie die Form, in der das umgesetzt wird (wieder am 23. Februar und vom 3. - 6., 10. - 13. sowie am 18., 23. und 30. März).

Die Besucher hören ein Zischen und Ploppen, ein Gewebe von Stimmen, Infofetzen, wiederholte Wörter: „dot“, „web“, „blog“. Fünf Darsteller, alle in Weiß, schälen sich als Individuen heraus und sind doch nur Abbildungen von Gezwitscher, Echos von Nutzerprofilen, körperlose Bits, Datenpakete. Eine (Anna Kubelik) bewirbt Changemakers mit der Kaugummistimme von Agent Smith aus „Matrix“, ein anderer (Jan Uplegger) erklärt immer wieder, wie lange die Natur braucht, um den Schaum eines Shampoos abzubauen. Irgendwo in alldem steckt sicher auch Walter Benjamins These vom Ende des Erzählens im Zeitalter des Triumphs der bloßen Information. Umgesetzt ist das mit großem Gespür für die Schönheit und Musikalität reiner Sprache. Die reduzierte Ästhetik vermittelt eine Ahnung von den Weiten eines Netzes, in dem sich die menschliche Stimme verliert. Udo Badelt

KUNST

Einsam in China: Bilder aus Peking in der Guardini Galerie

Nicht ein Staubkorn liegt auf Pekings Straßen. Zumindest nicht da, wo die Häuser aus Glas sind, die Clubs schick und die Menschen chronisch unzufrieden. Wo alles ein wenig gleich aussieht, das Grau des Asphalts dem Grau des Himmels ähnelt und Individuen in Anzügen versinken. Erst abseits der Vorzeigebezirke, in Gässchen und auf Hinterhöfen vermischt sich Schutt mit zerrissenen Tüten und zerfledderten Zeitungen. Dort blättert der Putz ab, die Wäsche wird auf Parkplätzen aufgehängt, die Tuk-Tuks stehen vor Cola-Werbetafeln voll unbekannter Schriftzeichen.

Miao Xiaochun hat die Facetten seiner Heimatstadt genau untersucht, bevor er sie auf Fotos festhielt und zu hyperrealistischen Panoramen anordnete. Dann beging er einen Stilbruch, indem er seine digitalen Metropolenausschnitte mit Tuschmalerei bearbeitete und auf ornamentverzierte Rollen klebte. Dass der Medienkünstler eine Zeit lang in Deutschland studiert hat, ist seinen „Beijing Handscrolls“ anzumerken – er kombiniert Technik mit Tradition, westliche mit asiatischer Kultur (Guardini Galerie, Askanischer Platz 4, bis 1. 4., Di - Fr 14 - 19 Uhr). Er findet Imbissstände, Fahrräder, Strommasten. Und statt wuseligem Treiben bloß starre Gesichter in Parkanlagen, unbewegliche Kinder auf Spielplätzen. Alleinsein in der Menge sieht in China gar nicht so anders aus als hier. Annabelle Seubert

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