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KLASSIK

Sirenengesang: Hannu Lintu dirigiert das DSO mit Mischa Meyer

Zur Nacht scheinen die Finnen einen besonderen Bezug zu haben. Esa-Pekka Salonen hat 2002 mit traumwandlerischer Sicherheit in „Insomnia“ die unruhig kreisenden Gedanken eines Wachliegenden eingefangen. Sein Landsmann Hannu Lintu macht daraus in der Philharmonie mit dem Deutschen Symphonie-Orchester ein klingendes Stück Musik. Die Chemie zwischen ihm und den Musikern, denen er zum zweiten Mal vorsteht, stimmt. Dirigiert er anfangs noch mit abgezirkelten Bewegungen, wird er im Verlauf des Abends tänzerisch. Glitzern und Funkeln im großen Schlagwerkapparat, schimmernder Streicherklang, zerdehnte Schläge der Pauke: Die schlaflose Nacht hält viele Überraschungen bereit.

Mit entschlossenem Zugriff macht sich anschließend Mischa Meyer an die Solopartie von Dmitri Kabalewsyks zweitem Cellokonzert, ein rigide auf tonaler Basis stehendes Wohlklangstück, das zu diesem Zeitpunkt (1965) wohl nur unter der sowjetischen Käseglocke entstehen konnte. Am besten ist Meyer in den zornigen Kadenzen und langsamen Passagen, in denen er alle Energie gleichsam auf einen Punkt konzentriert. Bei schnellem Tempo wird sein Spiel pauschal, unverbindlich. Gleißend heller Tag zieht dann mit dem „Mars“ ein, dem ersten Satz von Gustav Holsts Suite „Die Planeten“, die so viel stimmungsreicher ist als das klassikradiotaugliche „Jupiter“-Hauptthema, auf das sie meist reduziert wird. Hannu Lintu reißt dynamische Gräben auf und arbeitet den Klangreichtum leidenschaftlich heraus – bis hin zum an- und abschwellenden Sirenengesang des Neptun-Satzes, mit dem die Musik zurückkehrt in die namenlose Nacht des Alls. Udo Badelt

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Voller Lust: Say, Gabetta und Kopatschinskaja im Konzerthaus

Wenn man es nicht besser wüsste, so könnte man glauben, nicht Ravel habe seine Sonatine in fis-moll komponiert, sondern Fazil Say würde sie soeben improvisierend erfinden: Tranceartig lässt er seinen Oberkörper kreisen, er stöhnt und summt wie Keith Jarrett, und mit seinen Händen malt er ausladende Arabesken in die Luft und auf die Tasten. Schließt man die Augen, bleibt eine warme und souveräne Darbietung, die sich vom Mainstream wächsern-distanzierter Ravel-Interpretationen positiv abhebt, aber vergleichsweise arm an Klangfarben und dynamischen Schattierungen ist. Letztere liefert Sol Gabetta – die erste der beiden Duopartnerinnen, die der Pianist in Residence an diesem Abend mit auf das Podium des Konzerthauses geladen hat – in Überfülle nach, wobei sie Debussys 1915 entstandene Cellosonate überzeugend in die Nähe von Schönbergs expressionistisch-groteskem Pierrot lunaire rückt.

Vollkommen eins mit Partner und Komposition ist Say in der Violinsonate, die er sich und der Geigerin Patricia Kopatschinskaja auf den Leib geschrieben hat: Es ist ein Stück voller plastischer Imitationen türkischer Instrumente, volksmusikalischer Zitate und einem klaren Bekenntnis zum virtuosem Effekt, mit dem Say die fast verloren gegangene Tradition des komponierenden Virtuosen auf gefällige aber legitime Weise wiederbelebt. Nach der Pause verwandelt man Schostakowitschs zweites Klaviertrio mit gebündelter Hochspannung und Präzision in eine sicher eher lustvolle als abgründige, aber dennoch nicht hohle Groteske – und den ausverkauften Saal in einen begeisterten Hexenkessel.Carsten Niemann

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