KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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KLASSIK

In Stahlgerüsten: Staatskapelle mit Ingo Metzmacher im Konzerthaus

Ein lebensvoller Abend mit Ingo Metzmacher und der Staatskapelle im Konzerthaus: Als letzten Gruß an die Hauptamtlichkeit des Orchesters die „Freischütz“- Ouvertüre, kurioserweise anfangs mit leichten Koordinationsunebenheiten (und dann doch: dampfende Klangmassen, schwärzestes Wolfsschluchtvergnügen) und dann gleich zu Luigi Nono und Dimitri Schostakowitsch. Nonos poetisch-politische „Canti di vita e d’amore“ auf Texte über Hiroshima, über das algerische Folteropfer Djamila Boupachà und über eine gänzlich neue, bessere Zeit lassen die Staatskapelle, zumal das schneidend scharfe Blech, mit aggressiv auffahrenden Attacken hören. Silke Evers (Sopran) entsendet souverän und überaus leuchtend Nonos Exaltationen in den Saal, Matthias Klink mit seinem präzise geführten Tenor tönt neben ihr fast schmal.

Große Momente für das Schlagzeug schon hier, mehr davon in Schostakowitschs „Leningrader Symphonie“ mit ihrem eigenartigen ersten Satz, dem Schein von Wohlgemutheit, der berühmten, träge crescendierenden Variationenpassage. Die wird von ständigem Trommeln unterlegt, so leise zunächst, dass es bloß raschelt, und doch mit der Zeit, nach genügend gemütlichem Wiegen in Quinten und Quarten, eine totale Kraft entfaltet. Ins ohrenzertrümmernde Crescendo ebenso wie in die starken Pendelschläge im Finale geht Metzmacher hinein wie in ein schwingendes Stahlgerüst, Herr der Lage, keine spröde Gewalt auslösend, dennoch maximalen Klang: Ungeheuerliche Musik, gegen die kein Publikum anapplaudieren kann. Christiane Tewinkel

KLASSIK

Tastendrücker: Zoltan Kocsis dirigiert in der Philharmonie

Man könnte Zoltan Kocsis den Berufswechsel übel nehmen. Wenn einer der weltbesten Pianisten das Klavier mit dem Taktstock tauscht, ist das ein herber Verlust. Zumal, wenn nur ein mittelmäßiger Dirigent dabei herauskommt. Den Beweis, dass er mehr kann, bleibt der Ungar beim Gastspiel seiner Ungarischen National Philharmonie schuldig: Egal ob Liszts „Les Préludes“, Dvoraks Cellokonzert oder Brahms Vierte – jedes Stück geht Kocsis in der Philharmonie mit einer selbstzufriedenen Maestro-Attitüde an. Sein Orchester behandelt er wie ein Klavier. Die Instrumente sind für ihn wie Tasten, auf die man nur drücken muss.

Kein Wunder, dass der Entwicklungsprozess einer Brahms-Sinfonie wie zerhackt klingt und die Tempi eher verordnet als organisch entwickelt wirken. Und welch ein Abgrund zwischen dem delikaten Liszt-Spiel des Pianisten Kocsis und seinem spannungslosen Liszt-Dirigat! Auch bei Dvorak bleibt es beim musikalischen Nebeneinander, allerdings mit Niveau: Auf der einen Seite ein sorgfältig geprobter Orchesterpart und auf der anderen der 34-jährige Daniel Müller-Schott, der das berühmteste aller Cellokonzerte unprätentiös absolviert, aber seinem Ton kein Aufblühen gestattet. Wäre doch schön, wenn Kocsis sich wieder ans Klavier setzen würde. Jörg Königsdorf

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