KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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KLASSIK

Weich werden: Mischa Maisky

im Kammermusiksaal

Ist es das Klingeln eines Handys, das den aufs nächste Stück konzentrierten Mischa Maisky das Programm wechseln lässt? Statt der Suite Nr. 4 in Es-Dur für Violoncello solo von Bach erklingt nun Nr. 2 in d-Moll. Die erste Folge der sechs Suiten im Kammermusiksaal erhält so etwas Dunkles, schwer Lastendes. Umso leichter schwebt Nr. 1 in G-Dur dahin. Die oft so klangvoll genommenen Eröffnungs-Arpeggien versieht der Meistercellist mit fast beiläufiger Luftigkeit. Sein riesengroßer, dabei immer weicher Ton entfaltet sein Farbspektrum erst in den Charaktertänzen der deftigen Allemande, quirligen Courante oder im koketten Menuett. In den Moll-Suiten ist Maisky ganz Ausdrucksmusiker. Fragen einer historisch informierten Herangehensweise, Darmsaiten oder Rundbögen werden völlig unerheblich. Sein Spiel lebt ganz aus dramatisch aufgeladenem Melos, das im Doppelgriff-Gesang der Sarabande und in den Riesenspannungen der Gigue kulminiert. Die Eröffnungsfuge aus Nr. 5 in c-Moll wiederum wird durch Maiskys dynamische Differenzierungskunst zum transparenten Raum, während ihr Herzstück, die Sarabande, durch melancholische Innenschau berührt. Isabel Herzfeld

SHOW

Böse bleiben: Ludwig Hirsch

in der Bar jeder Vernunft

Obwohl er nach langjähriger Berliner Abstinenz im kabarettgewöhnten Ambiente gastiert, wird bereits nach wenigen Minuten klar, dass es Ludwig Hirsch bei seinem Programm „Gänsehautnah“ vor allem um die Musik geht. Schlicht in Schwarz und Grau gekleidet, sitzt der Wiener Sänger auf einem Barhocker, zupft, unterstützt vom Langzeitgefährten Johnny Bertl, die Konzertgitarre und eröffnet seinen vier Dekaden umfassenen Liederreigen mit der Ballade „Wenn der Schnee draußen schmilzt“. Anschließend geht es böse weiter, Hirsch singt von jener Hitler-treuen „Omama“, die beim „Sturmbootfahren“ an ihren dritten Zähnen erstickt und vom „Schurli-Bua“, der sich als „Geburtstagsgeschenk“ verschicken lässt und die rüden Auspackmethoden seiner Freundin nicht überlebt. Die makabren Pointen werden in der ausverkauften Bar Jeder Vernunft lautstark gefeiert. Doch anders als Hirschs verstorbener Kollege Ulrich Roski, der seine Moritaten gleichfalls mit Buster-Keaton-Miene vortrug, war der 64-jährige Österreicher nie auf Blödelbardentum und musikalische Parodien festgelegt. Mögen auch einige Orchesterarrangements der Hirsch-LPs aus den siebziger Jahren inzwischen Patina angesetzt haben, so entwickeln nun Bertls Adaptionen für Akustikgitarre eine umso größere Unmittelbarkeit (noch bis So täglich um 20 Uhr). Markus von Schwerin

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