KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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KLASSIK

Erratisch: Grigorij Sokolov mit einem Soloabend in der Philharmonie

Am Schluss, als die Reihen der Philharmonie sich schon schubweise entleeren, der Jubel von Zugabe zu Zugabe aber immer frenetischer wird, da findet Grigorij Sokolovs Soloabend zu seiner wahren Form. Zwischen Tür und Angel, im offenen Luftzug und im Schein des Saallichts, lässt der russische Pianist noch sechs Mal seine Bravura aufrauschen – angefangen mit François Couperins ursprünglich für ein zweimanualiges Cembalo geschriebenem Virtuosenstückchen „Le tic toc choc“, in dem ein Echo jener von Trillern und Mordenten wie von Tanzkreiseln durchzwirbelten Bach’schen Ouvertüre nach französischer Art (BWV 831) steckt, die im ersten Teil auf dem Programm stand. So unverwandt, wie er mit wippenden Frackschößen, fast achtlos für das Publikum, direkt auf seinen Steinway zugetappt war und Bachs Concerto nach italienischem Gusto (BWV 971) temperamentvoll hatte glänzen lassen, so unverwandt geht es über zweieinhalb Stunden später zu Ende. Angeknipst und ausgeknipst: Auch die Sätze trägt kein großer Atem. Jeder lebt für sich, und das mit selbstgewisser Absolutheit: einmal romantisch beseelt, dann wieder analytisch skelettiert, einmal mit spröder Delikatesse getupft, dann wieder mit der Pranke angefasst, aber immer vollendet artikuliert und abgetönt. Bach ist für einen solchen Synkretismus zweifellos offener als Schumann, dessen B-Dur-Humoreske op. 20 trotz ihrer Fallluken und Stimmungswechsel das geschlossenste Werk des Abends war. In den vier Stücken op.32 dominieren wieder die Einzelcharaktere. Man mag das mögen oder nicht: Sokolov reißt einen mit, von Stromschnelle zu Stromschnelle. In den langen, ruhigen Fluss steigen schon genügend andere. Gregor Dotzauer

SHOW

Nostalgisch: der Wintergarten lädt in den „Peppermint Club“

Er ist dick. Kugelrund. Konstantin Mouraviev tut alles, um abzuspecken – auch vor einem Rhönrad schreckt er nicht zurück. Und wie er es beherrscht: Er lässt sich überrollen und sitzt doch gleich wieder obenauf. Das Rad rotiert, immer flacher werden seine Kreise, mit dem Russen in der Mitte. Doch der lässt sich nicht abschütteln. Am Ende ist er tatsächlich schlank – bis zum nächsten Augustiner. Mit den 50er Jahren hat all das wenig zu tun, aber wir sind im Varieté, da zählen andere Dinge. Weil er witzig und akrobatisch zugleich ist, wird Mouraviev zum Mittelpunkt der neuen Show „Peppermint Club“ (Regie: Michael Klich), mit der der vor genau einem Jahr wiedereröffnete Wintergarten die Wirtschaftswunderepoche auf die Bühne bringen will. Und das gelingt, trotz der aseptisch einstudierten Moderation von Sängerin Lisa Huk, die zu meinen scheint, dass Spontaneität nur schadet. Dafür macht Jongleur Paul Ponce aus einem Hut plötzlich sechs und verliert selbst, als er durchs Publikum wandert, keinen einzigen davon. Das pfälzische Komikerduo Max Nix & Willi Widder Nix spielt Bill Haleys „Rock Around The Clock“ auf tigerfellummantelten Alphörnern und schrammt auch sonst brutal an der Geschmacksgrenze vorbei. Natürlich ist das alles traditionell insofern, als die Nummern einfach addiert und mit dem dünnen Mäntelchen einer Geschichte umhängt werden. In seiner fünften Produktion nach der Wiedereröffnung geht der Wintergarten auch im Sinne Adenauers zurück in die 50er Jahre: Keine Experimente. Udo Badelt

KUNST

Dramatisch: Kabuki-Holzschnitte im Museum für Asiatische Kunst

Der Held im Kabuki-Theater braucht nur „Shibaraku!“ („Einen Augenblick!“) zu rufen, und der Schurke des Dramas hält ein – den Dolch zu zücken oder zu irgendeiner anderen grausigen Tat zu schreiten. Man merke sich den Zauberspruch für nächtliche U-Bahnfahrten. Garantiert ist der glückliche Ausgang indes nur im Kabuki, Japans populärster Theaterform. Die Holzschnitte des 19. Jahrhunderts im Museum für Asiatische Kunst richten den Spot auf das „Kaomise“, womit die Saisoneröffnung gemeint ist, in der sich alle für die kommende Spielzeit engagierten Stars zeigen (Lansstraße 8, bis 13. März, Di-Fr 10-18, Sa u. So 11-18 Uhr).

Ein 1817 von Utagawa Toyokuni geschnittenes Bild zeigt die Fassade eines Theaters in Edo. Possenreißer werben für einen Theaterbesuch, einzelne Flaneure starren gebannt auf die Plakate am Dach. Das Triptychon „Der große Erfolg der Aufführung“ ist ein schönes Beispiel dafür, mit welcher Ökonomie (nicht nur) dieser Künstler und sein Verleger neue Kompositionen schufen. Musikanten, Rezitatoren und Publikum blieben auf den flankierenden Blättern identisch, während die Bühnenszenen im Mittelteil für verschiedene Versionen ausgetauscht wurden. Die Berliner Fassung – hier gibt es Streit um einen zerbrochenen Krug – gilt als einzige erhaltene dieser Version. Ausdrucksstark sind die sechs in Holz geschnittenen Schauspieler-Porträts. So tritt der Kabuki-Star Ichikawa Ebizô im signalrot-aufgeplusterten Outfit des säbelrasselnden Schuftes auf. Jeden Augenblick kann das erlösende „Shibaraku!“ ertönen. Jens Hinrichsen

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