KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

Volker Lüke

WELTMUSIK

Hochenergetisches Scheppern:

Konono No. 1 im Berghain

Konono No.1 sind gerade schwer angesagt. Nach Aufnahmen für Björk und Herbie Hancock stehen die Remix-Experten Schlange, um den treibenden HypnoTrance-Sound des Daumenklavier-Orchesters aus der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa mit ausgefeilter Dub-Technologie in eine hallig verzerrte Zukunft zu transformieren. Konono No.1 sind das gelungene Beispiel einer genuinen Popmusik, die das Daumenklavier (Likembe) als erhabene Lärmmaschine rettet. Die Musiker verstärken ihre Instrumente mit Bastelelektronik vom Schrottplatz und bringen so die traditionelle Bazomba-Trance- Musik, die seit Jahrhunderten der Geisterbeschwörung dient, auf das Energielevel von Punkrock und Techno. Folgerichtig ist die sechsköpfige Gruppe im Berghain gelandet, um einen Wirbelsturm aus polyphon geschichteten Klimpermelodien zu entfesseln. Ein stechendes, insektoides Gezirpe aus dunkel rollenden Basslinien und heftigen Rückkopplungen, die aus den Superanlageboxen und einem alten Bahnhofslautsprecher prasseln, den die Band mitgebracht hat. Im Verbund mit rastlosen Trommelrhythmen und ekstatischen Wechselgesängen entsteht eine urbane Ritualmusik, die das restlos begeisterte Publikum immer tiefer ins hochenergetische Scheppern hineinzieht, bis man sich nach 90 Minuten taub und glücklich bei einem Bier erholen darf. Hypnotisch. Magisch. Betörend. Volker Lüke

KLASSIK

Auf einsamer Spur:

Vilde Frang im Otto-Braun-Saal

Die beiden Künstler aus Norwegen wirken wie eine musikalische Zufallsbekanntschaft: Vilde Frang und Christian Hadland. Die junge Geigerin aus Oslo blickt auf ein Debüt als Zwölfjährige unter Mariss Jansons zurück und Auszeichnungen wie einen CD-Vertrag bei EMI. An der Seite ihrer Mentorin Anne-Sophie Mutter reist sie durchs Land mit dem Doppelkonzert von Bach. Hier im Otto-Braun-Saal fällt es schwer, das, was sie und ihr Landsmann am Klavier aufbieten, als Kammermusik zu begreifen. Es entsteht in der A-Dur-Sonate von Schubert und der Es-Dur-Sonate von Richard Strauss das Bild solistischen Violinspiels mit Begleitung. Die Partner wechseln nicht einen Blick. Jeder zieht seine Bahn, so eingesponnen in sich, dass kein kammermusikalisches Fünkchen überspringen will. Seltsamer Fall. Im Zentrum steht die Sonate für Violine solo, die Bartók nach dem Vorbild von Bach für Yehudi Menuhin komponiert hat. Auf sich allein gestellt, entfaltet Vilde Frang ihre geigerischen Qualitäten mit Energie und vollem Ton, die klingenden linken Pizzikati und Doppelgriffe, die Polyphonie, die „Melodia“ traumverloren. Das ehemalige Wunderkind ist heute 24 und meistert technische Schwierigkeiten mit großem Ernst. Was sie leider noch verbirgt, ist ein Stückchen teufelsgeigerischer Freude am Konzertieren, das mehr Kontakt mit dem Publikum bringen könnte. Sybill Mahlke

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben