KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

Jörg Königsdorf
Foto: J. Scully, VG Bild-Kunst Bonn
Foto: J. Scully, VG Bild-Kunst Bonn

KLASSIK

Große Form: Das RSB mit

Mihkel Kütson in der Philharmonie

Erstaunlich, dass Sergej Prokofjews sechste Sinfonie noch nicht zum Repertoirestück geworden ist: Obwohl es die gleiche Mischung von stalinistischem Pathos und Doppelbödigkeit aufbietet, die den parallel entstandenen Sinfonien Schostakowitschs zum Welterfolg verhalf, hat das 1947 uraufgeführte es-moll-Werk immer noch Raritätenstatus. Umso wichtiger, dass das Rundfunk-Sinfonieorchester für die sechste einen Dirigenten gefunden hat, der die Rehabilitation des Stücks zum persönlichen Anliegen macht. Mihkel Kütson, Generalmusikdirektor in Flensburg, ist zwar kein Funkenschläger wie Kazushi Ono, der für das Konzert in der Philharmonie vorgesehen war, doch tut seine kapellmeisterliche Akribie dem Stück gut. Denn die Klarheit, mit der Kütson die große Form zeichnet macht eben auch die Leere hinter der Fassade spürbar – etwa im Kopfsatz, dessen schütter-lakonische Gesten kaum noch ausreichen, um den sinfonischen Entwicklungsprozess in Gang zu halten.

Dass zu Beginn des Abends Prokofjews schnittige „Sinfonie classique“ noch zu kapellmeisterlich geraten war, ist da längst vergessen, zumal Kütson danach mit dem spielfreudigen RSB schon bei Beethovens zweitem Klavierkonzert zeigt, dass er eine klassische Satzarchitektur unaufdringlich unter Spannung setzen kann. Schade, dass der junge palästinensisch-israelische Pianist Saleem-Abboud Askar da bloß wohlerzogenes Beethovenspiel bietet. Jörg Königsdorf

POP

In die Wüste geschickt:

Marianne Dissard im Roten Salon

„It’s like at home“, lächelt die Französin in die schummerigen Reihen. „But home is confusion – welcome to my world!“ Eine rote Rose im schwarzen Haar, ein flammend roter Rüschenrock und auf dem T-Shirt das Bekenntnis „I love Tucson“. Marianne Dissard präsentiert im Roten Salon ihr neues Album „L’abandon“, bei dem Musiker von Calexico mitgewirkt haben und zu dem der Ennio Morricone-Schüler Christian Ravaglioli die Musik geschrieben hat.

Dissard schickt ihre Lieder in die Wüste, durchs staubige Grenzgebiet zwischen Arizona und Mexiko, ihrer Wahlheimat. „Desert Chanson“ heißt diese zeitlose Kreation aus französischer Poesie, Folk, Ragtime und Indie-Rock. Zum wunderbar rau dahingehauchten Plädoyer für „L’amour“, einer Noise-Rock-Attacke gegen die bürgerliche Ehe und dem Aufschrei, wenn der Ex unversehens in der Bar auftaucht, rumpeln die drei Musiker aus dem Calexico-Umfeld, was das Zeug hält: Brian Lopez an der Gibson, Sergio Mendoza an Drums und Piano, Gabriel Sullivan am Bass. Währenddessen windet sich ein Fransen-Girlie aus einem riesigen Cowboystiefel empor und lässt einen Hula-Hoop-Reifen um die Hüften kreisen. Zwischendurch eine mexikanische Trompete, elegische Chöre, Streicher. Die Konfusion ist perfekt: Harmonien so stachelig wie ein Feigenkaktus, Melodien, die wie heiße barmherzige Regentropfen aufs Publikum niedergehen. Der Rote Salon (Saloon) glüht, und die Musik dringt wie feiner Wüstensand in alle Poren. Vergesst Paris! Roman Rhode

KLASSIK

Habt Einfälle: Die Kammersymphonie spielt Ernst Toch

Seit einigen Jahren erinnert der Konzertbetrieb in spezialisierten Programmreihen an Komponisten, die während des Nationalsozialismus ermordet oder ins Exil getrieben wurden. Das ist wichtig – aber groß ist auch die Gefahr, die Künstler damit in eine andere Art von Ghetto zu stecken. Indem man sie nämlich nicht auf ihren musikgeschichtlichen Rang hin untersucht, sondern nur biografisch betrachtet und sich damit begnügt, ihnen die Marke „verfolgt“ aufzukleben. Die Kammersymphonie Berlin dagegen, die seit ihrer Gründung vor 20 Jahren mit origineller Programmgestaltung punktet, geht in ihrem Jubiläumskonzert einen anderen Weg.

Im Kammermusiksaal wird Ernst Toch, der 1932 emigrierte und deshalb ein Alterswerk schaffen konnte, als Antipode zur Darmstädter Schule präsentiert. In Tochs 1964 entstandener Sinfonietta und in seinen Bearbeitungen von Bachs dritter Violin-Solosonate und Mozarts Variationen für Klavier und Orchester KV 455 sucht man vergeblich verborgene Reihen, Zahlenbeziehungen oder Intervallverhältnisse. Toch glaubte an den „Einfall“ im romantischen Sinne, an die Inspiration. Das galt sicher auch für Felix Mendelssohn Bartholdy, zu dem er im zweiten Teil des Programms in Beziehung gesetzt wird.

Es ist eine leise, wie von Goldfäden durchzogene Intensität, mit der das Ensemble unter seinem Gründer Jürgen Bruns Tochs spätklassizistische Formensprache aufgreift. Eine Ästhetik, wie sie sich in den Ecksätzen von Mendelssohns Italienischer Symphonie, aber auch – mit dem harten Zugriff der Solistin Tatjana Blome – bei den Mozart- Variationen angekündigt hat. Am Ostersonntag legen die Kammersymphoniker nach: mit einem Programm, das von Bach über Vivaldi, Mozart und Liszt bis zu Respighi 300 Jahre Musikgeschichte durchmisst. Udo Badelt

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