KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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FOTOGRAFIE

Deformiert: Vuk Karadžic

im Salon Petra Rietz

Es sind Bilder, wie man sie aus dem Fernsehen kennt: Politiker bei Ansprachen und in Diskussionsrunden, Menschenmassen bei Großereignissen, Sportler im Wettkampf. Und doch sind diese Bilder fremd, irritierend, rätselhaft, unheimlich. Der Berliner Fotokünstler Vuk Karadžic greift in der Ausstellung „live“ im Salon Petra Rietz aus dem Strom der Fernsehübertragung Augenblicke heraus und richtet damit die Aufmerksamkeit auf Details, die im Ablauf der Bilder nicht wahrnehmbar sind (Koppenplatz 11a, bis 12. 3.; Mi - Sa 15 - 18 Uhr). Er entlarvt den Realismus, der dem TV-Geschehen zugebilligt wird, als Illusion und hebt hervor, wie sehr das Gezeigte, durch seine mediale Vermittlung, von der Wirklichkeit entrückt wird.

Eine zentrale Rolle spielt das Pixelraster des abfotografierten Bildschirms. Es verweist auf die mediale Mittelbarkeit des Dargestellten, auf die technische Verfremdung der Wirklichkeit und damit den konstruierten Charakter des übertragenen Bildes. Die Verfremdung weckt den detektivischen Instinkt, den Kontext zu rekonstruieren, wozu Karadžic Hinweise gibt. Besonders die Bildhintergründe sind aufschlussreich: Die Landesfahne legt eine präsidiale Ansprache nahe, ansonsten sind blaue Nachrichtenschirme und Talkshow-Wände erkennbar. Diese vertrauten Kulissen lassen die Motive als mediale Standardsituationen erkennen. Trotzdem behalten die Bilder ihr Geheimnis, da Karadžic nur gewöhnliche aufnimmt, die erst durch ihr Herausgreifen Prägnanz gewinnen. Durch diese Zufälligkeit wird der Blick geschärft und die Fantasie herausgefordert, die Bilder zu entschlüsseln.

Das Verfließen der Gesichter und Verschwinden von Augen oder Mündern durch die Bewegungsunschärfe suggeriert dem Betrachter, dass die medial repräsentierten Persönlichkeiten selbst im angehaltenen Bilderstrom nicht zu fassen sind. Das betrifft Einzelpersonen wie Massen: Was im Fernsehen auftritt, sind keine Menschen mehr, sondern ihre durch das Medium monströs deformierten Doppelgänger. David Assmann

KUNST

Mundblumen: Reynold Reynolds

im Haus der Kulturen der Welt

Die ganze Welt scheint von Künstlern mit digitalen Echtzeit-Online-Aktionen besetzt. Die ganze? Nein, ein Künstler hört nicht auf, mit klassischer Filmkunst Widerstand zu leisten. Reynold Reynolds, 1966 in Alaska geboren, ist Gast der Ausstellungsreihe „Labor Berlin“ im Haus der Kulturen der Welt. Sie bietet internationalen Künstlern eine Plattform und wurde in der vierten Ausgabe von den Machern des Transmediale-Festivals im Februar gleich mitgestaltet. Der Amerikaner macht geradezu altmodische kinematografische Kleinode in altmeisterlichen Farben mit opulent ausgestatteten Kulissen (bis 3. April, Mi - Mo 11 - 19 Uhr).

Seine „Secrets Trilogy“, die erstmals komplett gezeigt wird, entstand auf 16mm-Material und mithilfe der Stop-Motion-Technik. Dafür werden einzelne Fotos geschossen, die aneinandergereiht den für Reynolds typischen Wackeleffekt erzeugen. Wie ein Aufziehpüppchen vibriert die mädchenhafte Protagonistin aller drei Videos durchs Bild. Im albtraumartigen Kosmos des Künstlers geht alles seinen mechanischen Gang, den Takt gibt das Ticken rückwärtslaufender Uhren an oder das Rattern von Nähmaschinen. Seine surrealistische Bilderwelt hingegen erzählt von Träumen und Ängsten. Pflanzen tentakeln durch die Wohnung einer Frau, die sich in einem Bett voller Obst wälzt. Aus dem Mund gebiert sie eine Blume. In einem Film von 2010 taucht sie in die burleske Zirkuswelt ein. Aber auch hier wird man den Eindruck nicht los: Dahinter lauert das Grauen. Anna Pataczek

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